Zehn Thesen zur IBA’27

Zukunft als Ausgangspunkt: Zehn Thesen zur IBA’27

Niemand kann vorhersagen, wie sich das Leben in einigen Jahrzehnten anfühlt, wie die Gesellschaft organisiert sein wird, welche Debatten dann geführt werden. Anspruch einer Internationalen Bauausstellung ist es, Bauten und Infrastrukturen zu zeigen, die weit über das Präsentationsjahr hinaus in die Zukunft weisen. Gemeinsam mit den Projektträgern will die IBA’27 daher resiliente Gebäude, Strukturen, Prozesse und Formate entwickeln, die in verschiedenen möglichen zukünftigen Welten und in verschiedenen Szenarien funktionieren. Fest steht, dass wir den Herausforderungen im Umweltbereich, dem technologischen und gesellschaftlichen Wandel mutig und fantasievoll begegnen müssen, wenn wir mit der IBA’27 relevant sein wollen.

Wir verzichten auf harte Parameter und Ausschlusskriterien, sondern nähern uns der Zukunft mit einer klaren Haltung und Qualitäten.

Die folgenden Thesen sind die Grundlage für die inhaltliche Arbeit der Vorhaben und Projekte, in den Foren und Arbeitsgruppen, mit dem Kuratorium und weiteren Gremien der IBA’27.

IBA’27: Illustration (IBA’27 / L2M3 / Max Guther)
Bild: IBA’27 / L2M3 / Max Guther

Baukultur

Unser Ausgangspunkt ist die europäische Stadt als von Menschen gestalteter und genutzter Raum. Hier überlagern sich Epochen mit ihrer jeweiligen Suche nach einem zeitgemäßen Ausdruck von Schönheit unter Nutzung der verfügbaren Techniken. Wir wollen, dass auch kommende Generationen die von uns gebauten Häuser und Stadträume nach ihren Bedürfnissen nutzen können und gerne darin leben. Architektur und Ingenieursbaukunst, Stadt­ und Landschaftsplanung gestalten bestehende Räume mutig weiter und ermöglichen neue Formen der Nutzung und Interaktion. Die Bauwerke entsprechen höchsten ästhetischen, technischen und funktionalen Ansprüchen und sind für Generationen ein entscheidender Beitrag zur regionalen Identität.

Polyzentrische Stadtregion

Die voranschreitende Urbanisierung eröffnet Metropolitanräumen neue Perspektiven. Die Region Stuttgart mit ihrer polyzentrischen Struktur bietet beste Voraussetzungen für eine Stärkung urbaner Strukturen in der Fläche. Dabei geht es nicht primär um weiteres quantitatives Wachstum, sondern vor allem um eine Steigerung der Qualität von Siedlungen. Eine kleinteiligere Gliederung des Raumes und eine Verbesserung der stadt­ und landschaftsräumlichen Qualität ermöglicht höhere Anteile von öffentlichem und Fuß­ und Radverkehr. Nur so lässt sich die Lebens­ und Umweltqualität dauerhaft verbessern.

Wertschätzung

Häuser sind zu teuer, um billig gebaut zu werden. Unsere Bautechniken erlauben uns, Strukturen zu schaffen, die mehrere Hundert Jahre überdauern. Eine konsequente Orientierung an den Lebenszykluskosten relativiert den Erstellungspreis und lässt uns nach dauerhaften, leicht reparier­ und anpassbaren Bauweisen suchen. Diese schließen auch die Anpassbarkeit an verschiedene Nutzungen ein.

Häuser, Straßen und Plätze sind Räume für Menschen und das gesellschaftliche Leben. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Räume für alle offen und zugänglich sind. Der wirtschaftliche Erfolg der Region führt zu stark steigenden Preisen und Verdrängung. Soziale Durchmischung, Inklusion und Zugänglichkeit ist mit den Mitteln einer weitsichtigen Boden­ und Wohnungspolitik sowie neu zu schaffenden Instrumenten sicherzustellen.

Mischung

Nutzungsmischung verkürzt Distanzen, bereichert den Alltag, reduziert Abhängigkeiten und erleichtert die Adaption der Wohn­ und Arbeitswelt an neue Anforderungen. Arbeitsplätze, lokale Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs, kulturelle Dienstleistungen und attraktive Naherholungsräume bilden reiche Alltagswelten. Mischung, Dichte und Nähe reduzieren die motorisierte Mobilität. Mischung beinhaltet auch kulturelle und soziale Aspekte. Die Region Stuttgart hat einen guten Ruf als Lebensraum für Menschen mit unterschiedlichsten Werten und kulturellen Hintergründen. Wachsende Einkommensunterschiede, steigende Mieten und Immobilienpreise gefährden diese Integration. Beherzte soziale Modelle stellen sicher, dass die Region ein dauerhaft offener Ort bleibt.

Neue Technologien und neue Prozesse

Die Digitalisierung wird während der Laufzeit der IBA’27 die Planungs­ und Bauprozesse, die Gebäudetechnik und unseren Alltag vollständig durchdringen. Dies löst beim Bauen einen Rationalisierungsschub aus und beeinflusst Vorfertigung, Montage und Betrieb von Gebäuden. Industrielle Techniken beschränken sich nicht mehr auf einzelne Bauteile. Dies wird modulare Bauweisen, den Holzbau und weitere Leichtbautechniken beflügeln und wirtschaftlich begünstigen. Sensorik und Datenmonitoring helfen beim Verständnis der Energieflüsse und der Optimierung im Betrieb.

Neue Arbeitswelten

Erwerbsarbeit wird anders gewichtet und nimmt einen geringeren Stellenwert ein. Die Arbeitsroutinen verschieben sich weg vom Nine­to­five­Job. Re­ und Weiterqualifizierungen und berufliche Umorientierungen sind Usus, genauso wie flache Hierarchien und die Auflösung klassischer Unternehmensstrukturen. Coworking Spaces sind selbstverständlicher Bestandteil auch von früher reinen Wohngebieten. Durch die Möglichkeit, Bereiche der Produktion kleinteiliger und emissionsarm zu machen, und durch eine neue Wertschätzung von Produkten, Kreisläufen und Reparaturen finden Produktionsstätten wieder Einzug in die Quartiere und Dörfer – und eine Wohnnutzung in bisher reine Gewerbegebiete.

Teilhabe an der Stadtregion

Digitalisierung wird nicht nur das Arbeitsleben massiv verändern, sondern bietet auch die Möglichkeiten für neue Formen der politischen Teilhabe und Partizipation in Region und Stadt. Prozesse der Stadt­ und Regionsgestaltung werden unmittelbar und für alle zugänglich. Gleichzeitig steigt der Anspruch an die Kommunikationsfähigkeit, die Gesellschaft droht in Gruppen zu zerfallen. Kontrolle und Überwachung des öffentlichen Raums muss so gestaltet und reguliert werden, dass dieser seine Funktion als Ort des Austauschs für alle behalten kann.

Energie und Stoffkreisläufe

Die nächste Generation muss den Wandel in ein postfossiles Zeitalter vollziehen, um globale Ressourcenkämpfe zu verhindern und den Klimawandel zu begrenzen. Die Bauwirtschaft und der Betrieb von Gebäuden sind heute die größte Abfallquelle und die größten CO2­Emittenten. Häuser müssen zu CO2­Senken und Kraftwerken werden. Fossile Energieträger sind zu kostbar, um sie für Heiz­ oder Mobilitätszwecke zu verbrennen. Quartiere sind energetisch weitgehend selbstversorgend, weiträumige Netze übernehmen Puffer­, Ausgleichsund Speicherfunktionen. Gebäude regulieren ihr Klima passiv und bieten auch unter den Bedingungen der erwarteten Klimaveränderungen einen angenehmen Aufenthalt. Fassaden und Stadträume verhindern mit ihrem Wasserhaushalt und Pflanzen den Wärmeinsel­Effekt heutiger Städte.

Neues Wohnen

Wohnen ist und bleibt die zentrale und häufigste Nutzung gebauter Umwelt. Durch dichte Quartiere, die die Herstellungskosten senken, und neue Finanzierungs­, Miet­ und Eigentumsmodelle ist Wohnen für alle überall leistbar. Wohnmobilität wird erleichtert und gefördert und reagiert auf den demografischen Wandel. Dadurch sinkt der Flächenverbrauch pro Kopf und Flächen werden effizient genutzt. Es wird barrierefreier und zugänglicher Wohnraum für alle geschaffen.

Neue Mobilität

Verkehrsmittel werden zum Gemeingut und befinden sich nicht mehr in individuellem Privatbesitz. Dadurch wird der ruhende Verkehr minimiert, wertvolle Flächen im Inneren von Gebäuden und im Außenraum werden frei. Das gesamte Verkehrssystem wird ressourcenschonender und platzsparender, Verkehr kann zielgerichteter und effizienter genutzt werden. Weniger und effizienter motorisierter Verkehr reduziert Lärm, ist stadt­ und umweltverträglicher.

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