Forschen, während gebaut wird
Interview mit Prof. Achim Menges
Auf dem Campus der Universität Stuttgart in Vaihingen beginnt der Bau eines ungewöhnlichen Forschungsgebäudes: Das Exzellenzcluster IntCDC errichtet dort einen Neubau, in dem Werkstatt, Labor und Büro keine getrennten Welten mehr sind – und in dem Holzbau, Robotik und digitale Planung zusammenkommen. Seit 2024 ist das Projekt Teil der IBA’27. Zum Baustart sprach IBA’27-Intendant Andreas Hofer mit Prof. Achim Menges, dem Sprecher des Exzellenzclusters IntCDC.
Andreas Hofer: Der Anlass unseres Gesprächs ist der Baustart des IntCDC-Gebäudes auf dem Uni-Campus Vaihingen. Was bedeutet dieser Meilenstein für Sie?
Prof. Achim Menges: Das IntCDC-Gebäude hat für uns eine große Bedeutung, weil es im Exzellenzcluster zwei Dinge zusammenbringt. Das Cluster ist 2019 gestartet, die Gebäudeplanung begann 2020. Im Spätjahr 2025 war Baustart. Zum einen steht es für eine neue Art von Forschungsgebäude: Die klassische Trennung zwischen Laboren, Werkstätten und Büros wird hier aufgehoben. Es entsteht eine Forschungsumgebung, in der unterschiedliche Arbeitsformen direkt miteinander verbunden sind. Das spiegelt unsere Forschungskultur des Co-Design wider. Zum anderen ist das Gebäude auch unser zentrale Demonstratorbauwerk: Hier werden Forschungsarbeiten aus den ersten Jahren des Exzellenzclusters tatsächlich baulich umgesetzt – bei Forschungsprojekten eher ungewöhnlich. Durch diese »In-vivo-Architekturforschung« entstehen neue Fragestellungen direkt aus der praktischen Umsetzung. Es geht nicht nur darum, Forschung sichtbar zu machen, sondern sie gemeinsam mit der Bauindustrie weiterzuentwickeln. Forschung wird dadurch selbst Teil des Bauprozesses – und genau daraus ergeben sich auch wichtige Themen für die nächste Förderperiode.
Andreas Hofer: Die Bauwirtschaft ist extrem kleinteilig strukturiert – anders als etwa die Pharmaindustrie, wo Forschung und Produktentwicklung im selben Unternehmen stattfinden. Innovation in der Baubranche scheitert oft am Widerstand des »Das haben wir immer schon so gemacht« – normativ wie wirtschaftlich. Wie sind Sie mit diesem Spannungsfeld konfrontiert worden?
Prof. Achim Menges: Das Grundproblem ist die strikte Trennung zwischen Baupraxis und Forschung. Baupraxis bedeutet: Bewegen innerhalb des Standes der Technik – sonst entstehen juristische, zulassungs- und versicherungstechnische Probleme. Forschung hingegen definiert sich genau dadurch, über diesen Stand hinauszugehen. Diese zwei Welten zusammenzubringen ist unser erklärtes Ziel, aber kein leichter Weg. Dazu kommen Geschäftsmodelle, die nur zu einem sehr geringen Teil auf Innovation setzen. Die Bauindustrie wartet nicht unbedingt auf Neuerungen – auch wenn sie quantitative Vorteile brächten. Denn sie hinterfragen den Status quo. Und das erzeugt Widerstände, die man erst überwinden muss.
Andreas Hofer: Zulassungen, Tests, Brandschutz, Vergaberecht – das ist ein enormer Aufwand, der Innovation strukturell erschwert. Wie haben Sie das beim IntCDC-Gebäude konkret gelöst?
Prof. Achim Menges: Die Herausforderung war, ein Bauvorhaben mit so hohem Innovationsanteil umzusetzen, das eine frühzeitige Einbindung der Baupartner erfordert und gleichzeitig den Vergabenormen des öffentlichen Baus gerecht wird. Die Lösung war ein Innovationswettbewerb, der bereits zu Beginn der Leistungsphase 2 ausgeschrieben wurde. In einem mehrstufigen Verfahren qualifizierten sich die Baupartner – und wurden so deutlich früher als üblich für das Projekt ausgewählt. In diesem Prozess hat man sehr viel gelernt – auch darüber, wie schnell man in gewohnte Muster zurückfällt, wenn es um Abgrenzungen und Risikoverschiebungen geht. Das möchte ich nicht beschönigen. Am Ende ist es weniger eine juristische als eine Kulturfrage, wie man sich einem solchen Bauprojekt nähert. Wer es wie jedes andere Projekt angeht, wird irgendwann in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Es klingt vielleicht idealistisch, aber meiner Ansicht nach geht es nur partnerschaftlich.
»Am Ende ist es weniger eine juristische als eine Kulturfrage, wie man sich einem solchen Bauprojekt nähert.«
Andreas Hofer: Sie haben gerade die Kulturfrage angesprochen. Gilt das auch nach innen – also für das Cluster selbst?
Prof. Achim Menges: Absolut. Allein die Idee, ›Denkstätte‹ und ›Produktionsstätte‹ zusammenzuführen, hat uns als Planern bewusst gemacht, wie schwer wir uns selbst damit tun. Man operiert in beiden Bereichen unter ganz unterschiedlichen Anforderungen und das lässt sich planerisch nicht einfach abbilden, auch wenn es sich leicht sagt. Deshalb ist für mich auch die sozialwissenschaftliche Komponente, die wir im Cluster haben und die aus der Innovationsforschung kommt, so wertvoll: Sie schaut sich an, warum Dinge funktionieren und andere nicht und macht uns bewusst, dass wir als Planer selbst Teil des Systems sind, das wir verändern wollen. Aber genau aus diesem integrativen Denken – nach innen wie nach außen – entstehen auch neue Lösungen.
Andreas Hofer: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wo dieses integrative Denken zu einer neuen Lösung geführt hat?
Prof. Achim Menges: Ein gutes Beispiel ist die Geschossdecke. Holzleichtbau gilt als akustisch schwierig. Die übliche Antwort wäre, Masse hinzuzufügen. Wir haben in einem größeren interdisziplinären Projektteam stattdessen eine zweischalige Deckenkonstruktion entwickelt, bei der die obere und untere Schale statisch gekoppelt aber akustisch entkoppelt sind. Ohne dass man irgendetwas hinzufügt, erzielt man Schallschutzwerte, die einer Verdoppelung der Masse entsprechen – vor allem im niederfrequenten Bereich, der besonders schwer zu adressieren ist. Das ist empirisch nachgewiesen und publiziert. Für mich ist das ein gutes Beispiel dafür, dass integratives Denken und unsere Methodik des Co-Designs tatsächlich zu neuen Lösungen führt.
Andreas Hofer: Das IntCDC-Gebäude steht ja in einer langen Stuttgarter Tradition von Frei Otto und dem Leichtbau. Wie verorten Sie sich in dieser Geschichte? Und glauben Sie, dass hier tatsächlich der Schritt gelingt von einer materialintensiven Bauweise zu einer neuen Baukultur des Leichten und Weitgespannten?
Prof. Achim Menges: Grundsätzlich ja. Das Exzellenzcluster greift maßgeblich auf diese Schule des Leichtbaus zurück. Das ist die Denkrichtung, aus der wir kommen. Aber ich glaube, wir zeigen im Gebäude auch, wie sich diese Tradition transformieren lässt.
Das Holzsegmentdach greift die Schalentypologie auf, die in den 1960er und 70er Jahren monolithisch aus extraktiven Materialien, vor Ort, mit enormem Schalungsaufwand und viel manueller Arbeit realisiert wurde: de facto nicht rückbaubar, unveränderbar, das Gegenteil von zirkulär. Wir haben diese Typologie überführt in etwas, das vollständig vorgefertigt, vollständig digital gefügt und aus nachwachsenden Rohstoffen ist und trotzdem die strukturelle Effizienz der klassischen Schale erreicht.
Leichtbau bedeutet für uns dabei nicht nur wenig Kilogramm pro Quadratmeter, sondern auch einen leichten Fußabdruck auf dem Planeten. Das zieht sich auch durch das gesamte IntCDC Gebäude – von der Bodenplatte aus Gradientenbeton, über das mehrgeschossige Holzbausystem bis hin zum Holzsegmentschalendach.
Andreas Hofer: Sie bauen leicht und digital, aber wie langlebig ist das? Welche Rolle spielt die Dauerhaftigkeit für Sie?
Prof. Achim Menges: Das müssen wir ausdifferenziert denken. Das Mehrgeschosssystem im IntCDC ist als Skelettbau konzipiert – mit großen Spannweiten, flexiblen Stützenstellungen, ohne tragende Wänden, unabhängig von der Fassade. Es ist nutzungsoffen und auf eine Lebensdauer von 100 Jahren ausgelegt. Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht nur erneuerbares Material und ressourcenschonende Konstruktion, sondern vor allem die Fähigkeit eines Gebäudes, sich über die Zeit anzupassen. Ein Holzbau, der nach 20 Jahren abgerissen wird, verliert nicht nur seinen ökologischen Wert – er verliert auch das gespeicherte CO₂. Dauerhaftigkeit ist deshalb keine konservative Haltung, sondern eine ökologische Notwendigkeit.
»Dauerhaftigkeit ist keine konservative Haltung, sondern eine ökologische Notwendigkeit.«
Andreas Hofer: Was erwartet uns 2027 zum Ausstellungsjahr? Und wann ist das Gebäude fertig?
Prof. Achim Menges: 2027 wird das Spannendste auf der Baustelle passieren, weil alle prägenden Gewerke in diesem Zeitfenster realisiert werden. Der gesamte Holzbau – 90 Meter lang, 30 Meter breit – entsteht mehr oder weniger im Jahr 2027. Das Ziel ist, die Hülle bis Ende 2027 dicht zu haben. Die Fertigstellung ist nach dem derzeitigen Rahmenterminplan für Ende 2028 vorgesehen.
Andreas Hofer: Das IntCDC-Gebäude ist zusammen mit dem Demonstrator-Hochhaus eines der forschungsorientierten Projekte der IBA. Was bedeutet die IBA für Sie?
Prof. Achim Menges: Wir freuen uns sehr, Teil der IBA zu sein, weil sie uns die Möglichkeit gibt zu zeigen, wie sich das Bauen nicht nur heute verändern kann, sondern wie sich Dinge vielleicht auch in Zukunft weiterentwickeln – und das auf eine Art und Weise, die im Jahr 2027 bereits greifbar wird. Deshalb sind wir froh, dass wir unter den verschiedenen IBA-Locations auf dem Campus einen Beitrag in Ausstellungsjahr der IBA leisten dürfen.
Andreas Hofer: Wie wird man das Gebäude wahrnehmen, wenn man ohne Vorwissen davor steht?
Achim Menges: Mein Wunsch wäre, dass es sich allen Besuchern als ein neuartiges Forschungsumfeld erschließt – allein durch die räumlichen Verschränkungen zwischen den verschiedenen Bereichen. Die weitgespannte Holzschalenkonstruktion des Dachs wird sich sofort vermitteln. Das ist etwas, das man räumlich erleben kann, ohne Erklärung. Beim Mehrgeschossbau braucht man vielleicht einen geschulteren Blick für die angenommenen Grenzen des Holzbaus und wie sie hier überschritten werden. So bietet das Gebäude die Möglichkeit, Innovation auf verschiedenen Ebenen zu entdecken: Von der sichtbaren Struktur bis zu den Lösungen, die sich erst beim näheren Hinsehen erschließen. Zudem fehlt uns im Exzellenzcluster wirklich dieser Ort, der uns ermöglichen wird, so zu arbeiten, wie wir es aufgrund unserer Methodik tun möchten. Wir freuen uns alle sehr darauf.
Prof. Achim Menges ist Sprecher des Exzellenzclusters »Integratives computerbasiertes Planen und Bauen für die Architektur« (INTCDC)


