05.11.2019

Erste Jahresbilanz der IBA’27

Themen und Orte der internationalen Bauausstellung werden sichtbar

»Die Resonanz auf unseren Projektaufruf hat uns überwältigt«, berichtet Andreas Hofer. »Das erste Jahr Projektarbeit hat deutlich gezeigt: In der ganzen Region gibt es Kommunen, Investorinnen und Investoren, Wohnbaugesellschaften, Firmen, die mit ihren Projekten den Wandel in der Region mutig und zukunftsfähig gestalten wollen. Es besteht große Einigkeit, dass dies nur zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern und mit neuen Verfahren funktioniert.«

Die Fülle an Projektideen sieht Hofer vor allem als Chance: Die offene Projektsammlung für das IBA’27-Netz habe an vielen Orten einen breiten Diskurs über die Zukunft angestoßen. Ein Teil des Zuspruchs, den die Bauausstellung dabei erfahre, sei sicher auf die Dringlichkeit akuter ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Herausforderungen in der Region zurückzuführen. Verkehrsprobleme, Wohnungsmangel und mit ihm verbundene Ängste vor sozialer Entmischung landeten bei der IBA. »So sehr die IBA’27 der Nachhaltigkeit als Basis für eine sozial gerechte und zukunftsfähige Region verbunden ist, muss sie sich auch vor unrealistischen Erwartungen schützen. Als Bauausstellung kann sie exemplarisch neue Wege aufzeigen und ermutigen, die Umsetzung in der Breite müssen aber die politischen Gremien in den Kommunen leisten.«

Zur Umsetzung beispielhafter Projekte bis 2027 hat das Team der IBA in den vergangenen Monaten mit vielen Vorhabenträgern vor Ort intensive Entwicklungsprozesse gestartet. In mehreren Kommunen beispielsweise suchen Fachleute, Bürgerschaft und Politik in Workshops gemeinsam nach Ideen für größere Bauvorhaben. Zusammen mit der IBA werden Wettbewerbs- und Vergabeverfahren hinterfragt und weiterentwickelt. Zu besonders vielversprechenden Vorhaben verhandelt die IBA mit den Trägern spezifische Vereinbarungen mit gemeinsamen Zielen für den Weg ins Jahr 2027. Als »IBA’27-Projekte« und »IBA’27-Quartiere« könnten diese Vorhaben zu zentralen Orten des Präsentationsjahres werden.

Schwerpunktthemen schärfen Profil der IBA’27

Anhand der Projektvorschläge zeichnen sich nun auch thematische Schwerpunkte ab. »Mit diesen Themen, die sich in den kommenden Jahren weiter formen und verdichten werden, bekommt die IBA’27 ein Gesicht. Sie helfen uns, unsere Ressourcen schon jetzt auf besonders aussichtsreiche Projekte zu fokussieren, die 2027 als Ausstellung eine gute Geschichte erzählen und international relevante Antworten zeigen«, erläutert Andreas Hofer.

Die thematischen Schwerpunkte, die sich aus der Projektsammlung derzeit ergeben, sind:

Die produktive Stadt: Wohnen und Arbeiten, Einzelhandel, emissionsarme Industrie, urbane Landwirtschaft, Kultur und Freizeit kommen in durchmischten, dichten, lebendigen und zukunftssicheren Quartieren zusammen.

Die Zukunft der Zentren: Durch den Wandel im Einkaufs- und Freizeitverhalten suchen Innenstädte und deren Randzonen nach ihrer Rolle als identitätsstiftende Mittelpunkte.

Orte der Bewegung und Begegnung: Mehrere Kommunen aus der Region wollen bis 2027 ihre S-Bahn-Haltestellen samt Umfeld von heute oft reinen Verkehrsknoten zu lebendigen urbanen Orten machen, an denen Menschen gerne zusammenkommen.

Das Erbe der Moderne: Gesucht werden neue Strategien für den Umgang mit großen und baukulturell oft wertvollen Gebäudekomplexen aus der Nachkriegsmoderne der 1960er- und 1970er-Jahre. Zudem soll die Weissenhofsiedlung als Prototyp der Moderne zu ihrem 100. Geburtstag respektvoll erneuert werden.

Der Neckar als Lebensraum: Pilotprojekte und Experimente zur Rückgewinnung des Neckars und seiner Nebenflüsse als Lebensraum und identitätsstiftendes Band der Region Stuttgart.

Großes Engagement in Fachforen – Team der IBA’27 wächst

Regen Zuspruch erlebt die IBA nicht nur auf der Projektebene: Auch die vor einem Jahr ins Leben gerufenen Fachforen haben sich gut entwickelt, wie IBA’27-Geschäftsführer Holger Haas berichtet. Die Foren zu den Themen Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Mobilität, Planen und Bauen sowie Forschung und Technologie sind die thematischen Klammern für mittlerweile 21 Arbeitsgruppen, in die sich rund 400 Menschen einbringen – von engagierten Bürgern bis zu hochkarätigen Spezialistinnen aus der Forschung. Zweimal im Jahr kommen sie zu einem Plenum zusammen. Das nächste Plenum findet am 21. November 2019 ab 16 Uhr in der Stadthalle K3N in Nürtingen statt.

»Die Resonanz auf den Projektaufruf und das große Interesse an den Arbeitsgruppen und Fachforen hat unser Team im vergangenen Jahr ziemlich gefordert«, so Haas. Die IBA’27 GmbH, die im März in größere Büroräume in der Alexanderstraße 27 umgezogen ist, zählt mittlerweile 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus verschiedenen Disziplinen. Drei weitere Projektleiterstellen werden Anfang 2020 besetzt.

Holger Haas selbst, der seit der Gründung 2017 die IBA’27 GmbH geleitet hat, übergibt planmäßig nach Ablauf seines Vertrags Ende 2019 die Geschäftsführung vollständig in die Hände von Andreas Hofer. Haas wird sich künftig wieder zu hundert Prozent seinen Aufgaben als Geschäftsbereichsleiter der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS) widmen. Dort hatte er zusammen mit vielen Partnern bereits von 2014 an die Vorbereitungen für die IBA vorangetrieben. Er werde der IBA’27 weiterhin eng verbunden bleiben, so Holger Haas: »Insbesondere zum Thema nachhaltige Mobilität, das bei der WRS in meinen Bereich fällt, werde ich mich projektbezogen gerne einbringen.«

OB Fritz Kuhn übernimmt Aufsichtsratsvorsitz

Auch an der Spitze des Aufsichtsrats der IBA’27 GmbH gibt es eine Veränderung: Im Oktober hat der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, Fritz Kuhn, turnusgemäß den Vorsitz übernommen, Regionalpräsident Thomas S. Bopp seine Stellvertretung. Der Vorsitz des Gremiums, in das die Gesellschafter insgesamt 20 Vertreter entsenden, wechselt laut Satzung alle zwei Jahre zwischen Stadt und Region Stuttgart.

»Die IBA’27 ist eine große Chance für Stadt und Region, sich weiter zu vernetzen«, so Fritz Kuhn anlässlich seines Antritts als Aufsichtsratsvorsitzender. »Von den Projekten, die in der Stadtregion entstehen, soll eine besondere Wirkung ausgehen. Sie müssen sich ähneln, trotzdem individuell aber auch international erkennbar sein. Ich wünsche mir, dass sie eine eigene Sprache und Typologie entwickeln, wie es die Weissenhofsiedlung nicht nur im Baulichen, sondern auch in der Art unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens vor 100 Jahren getan hat.«

»Jenseits politischer Farben begleiten wir die IBA auch im Aufsichtsrat mit konstruktiven inhaltlichen Diskussionen«, berichtet Thomas S. Bopp aus der Arbeit der vergangenen zwei Jahre unter seinem Vorsitz. »Hier spiegelt sich die breite Unterstützung, die die IBA in der ganzen Region Stuttgart genießt. Die Grundlage dafür hat bereits der vorbereitende Plattformprozess geschaffen, den die Region 2016 angestoßen hatte.«

Neues Buch dokumentiert Weg zur IBA’27

Der IBA als offenes und dialogorientiertes Format war bereits 2016 ein breit angelegter partizipativer Plattformprozess mit Workshops und öffentlichen Veranstaltungen zur Themenfindung vorausgegangen. Diese Vorbereitungsphase dokumentiert ein neues Buch, das nun vorgestellt worden ist. Herausgeberin des Sammelbandes unter dem Titel »Auf dem Weg zur IBA 2027 StadtRegion Stuttgart« ist die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS), die den IBA-Plattformprozess im Auftrag der Regionalversammlung organisiert hatte. WRS-Geschäftsführer Dr. Walter Rogg sagt: »Unser Buch macht deutlich, wie viele verschiedene Perspektiven in den IBA-Prozess eingeflossen sind und was für unterschiedliche Menschen daran beteiligt waren. Diese Vielfalt ist die große Stärke der IBA: Sie wird vielseitige Ideen, Impulse und Kontroversen in die Region Stuttgart bringen und zukunftsweisende Antworten auf die Herausforderungen des Lebens, Wohnens und Arbeitens in unserer Zeit geben.« Das beim Stuttgarter Fachverlag av edition erschienene Buch ist ab November 2019 im Handel erhältlich.

HINTERGRUND

Genau 100 Jahre nachdem die europäische Architekten-Avantgarde in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung ihr damals radikales »Wohnprogramm für den modernen Großstadtmenschen« vorstellte, soll die Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) neue Antworten finden auf die Frage: Wie leben, wohnen, arbeiten wir im digitalen und globalen Zeitalter?

Gesteuert wird die Bauausstellung von der IBA 2027 StadtRegion Stuttgart GmbH. Gesellschafter sind die Landeshauptstadt Stuttgart, der Verband Region Stuttgart und die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH, die Architektenkammer Baden-Württemberg sowie die Universität Stuttgart. Die Gesellschafter übernehmen anteilig die laufende Finanzierung der GmbH. Das Land Baden-Württemberg unterstützt die IBA’27 in den Jahren 2018 bis 2027 mit insgesamt 2,5 Millionen Euro.

Zur Bündelung des Wissens aus der Region Stuttgart und zur Beteiligung der Zivilgesellschaft wie auch der zahlreichen Organisationen, Unternehmen und Initiativen in der Region gibt es 21 Arbeitsgruppen in vier öffentliche Fachforen zu den Themen »Politik und Gesellschaft«, »Wirtschaft und Mobilität«, »Forschung und Technologie« sowie »Planen und Bauen«. Sie finden sich zweimal im Jahr zu einem Plenum zusammen. Das nächste Plenum findet am 21. November 2019 ab 16 Uhr in der Stadthalle K3N in Nürtingen statt.

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