03.06.20
Rückblick & Dokumentation

Experiment im Fluss: Das virtuelle IBA’27-Plenum #5

Der Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) Andreas Hofer fordert: »Stuttgart soll seinen Fluss zurückbekommen« und der Stuttgarter Künstler Ulrich Bernhardt wünscht sich, die Stadt solle einen kreativen Pakt mit dem Neckar schließen. Wie der Neckar für die Menschen der Region tatsächlich erlebbar werden kann, dazu gab das Plenum #5 unter dem Motto »Der Fluss gehört allen« vielfältige Anregungen: via Livestream, Kunstperformances, Vorträge, digitale Workshops und einer Podiumsdiskussion wurde das Potenzial des Flusses aufgezeigt – zum Teil metaphorisch, aber auch ganz real: das digitale Live-Experiment mitten in der Corona-Krise fand auf dem zum Club-Schiff umgenutzten Frachtkahn »Fridas Pier« auf dem Neckar statt.

Ein Badeschiff, ein Park über den Neckar oder die Neckarwelle, die das Surfen auf dem Fluss möglich machen soll – die Bandbreite der digitalen Ausstellung, die die IBA’27 mit dem Plenum #5 vorstellte, ist groß. Sie wird auch weiterhin fortgeführt und zeigt, dass es bereits zahlreiche konkrete Ideen und Projekte gibt, die das Ansinnen der IBA unterstützen: die Rückgewinnung des Neckars als Lebensraum und damit als identitätsstiftendes Band der Region. In seiner Begrüßung betonte Andreas Hofer das große Potenzial des Flusses, aber auch seine derzeitigen Schwächen wie etwa die zeitweise schlechte Wasserqualität. Zu den dringlichen Aufgaben gehöre daher die Reaktivierung natürlicher ökologischer Kreisläufe. Um den Neckar erleben zu können, brauche es zudem eine »gesunde« Nutzungsmischung – weg von der fast ausschließlich industriellen Nutzung hin zu vielfältigen Interventionen und Projekten. Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn erläuterte in seinem Grußwort, der Masterplan zum Neckar der Stadt Stuttgart, der Landschaftspark der Region und Initiativen weiterer Anrainerkommunen seien erste wichtige Schritte. Dennoch müsse der Fluss weiter ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden.

Neckar-Labs als Ideensammlung

Wie ein Wandel zum Lebensraum Neckar angestoßen werden könnte, wurde in zwei Workshops, den Neckar-Labs, erarbeitet: Das erste befasste sich mit dem Neckar in der Stadt: Was ist schön und was ist typisch am Neckar? Geprägt von großen Kontrasten – idyllische Nischen versus Industrie – wird der Neckar als »Transitraum« gesehen. Durchaus mit hoher Qualität, jedoch kaum zugänglich. So drehten sich die Visionen und Wünsche, die im zweiten Schritt erarbeitet wurden, um die Wahrnehmung des Neckars als öffentlicher Ort. »Nicht nur auf, sondern auch im Neckar sollte ein Aufenthalt möglich sein«, fassten die Moderatorinnen und Projektleiterinnen bei der IBA’27, Nina Riewe und Grazyna Adamczyk-Arns, die Ideensammlung zusammen.

Das zweite Neckar-Lab – moderiert von Bettina Pau von der KulturRegion Stuttgart und IBA’27-Kuratorin Heidi Pretterhofer – legte den Fokus auf die Region: Was muss passieren, damit sich die Region mit dem Fluss identifizieren kann? Identität entsteht durch Handlungen, der Neckar sollte als Handlungsraum verstanden werden, lautet hier die Empfehlung – sowohl temporär, etwa durch Kunstaktionen, aber auch durch unterschiedliche Landschaftsgestaltung. Das alternierende Bild des Neckars wird grundsätzlich als Stärke betrachtet. Eine Anregung für die IBA war das Erstellen einer interaktiven, performativen Karte, die aufzeigt, welche Nutzungen es bereits gibt und welche weitergehenden Typologien in Frage kämen. Das übereinstimmende Fazit auch hier: möglichst bald ins Handeln zu kommen, etwa mit kleineren Aktionen und Events, die die Aufmerksamkeit wecken und so ein Bewusstsein für den Fluss schaffen. Dies gilt insbesondere auch für kleinere Kommunen entlang des Neckars.

Neckargeschichten: Impressionen entlang des Neckars

Wie unterschiedlich die Räume entlang des Neckars sind, davon zeichnete der Livestream ein differenziertes, kurzweiliges Bild. An unterschiedlichen Stellen von Remseck bis Nürtingen wurden Livebilder gezeigt, die die Kontraste, aber auch die Schönheit des Neckarufers sichtbar werden ließen. Passend dazu stellte Hannah Pinell (Referentin Partizipation der IBA’27), die auf der Schiffsbrücke durch das Programm führte, das Online-Kartentool »mapmehappy« vor: Durch Markieren des eigenen Lieblingsorts am Neckar kann dieser geteilt und auf einer interaktiven Karte veröffentlicht werden.

Der anschließende Impulsvortrag von Professor. Olaf Kühne vom Geographischen Institut der Universität Tübingen befasste sich mit der »sozialen Konstruktion von Landschaft, theoretischen Überlegungen und praktischen Konsequenzen«. Er zeigte auf, wie sich das Landschaftsbewusstsein historisch verändert hat und die individuelle Präferenz zunehmend an Bedeutung gewinnt. Kühnes Empfehlung lautet: Partizipation spielt bei der Gestaltung von Grünräumen eine Schlüsselrolle.

Blick nach Europa

Internationale Inspiration boten verschiedenen Live-Schaltungen innerhalb Europas. Aus Kiew, Warschau, Breslau und Madrid wurden jeweils erfolgreiche Initiativen und Projekte zur Revitalisierung von Flüssen vorgestellt.

Fluss machen – vier Neckarbilder

Einen künstlerisch abstrakten Blick auf den Fluss boten verschiedene Aktionen des Kunstvereins Wagenhallen: Welchen Schatz der Neckar birgt, zeigte die Performance »Auswerfen« von Ute Beck und Karin Sauerbier – sie bargen ihr »Neckargold« in Form eines großen goldenen Netzes am Berliner Steg. Thomas Putze hielt sich mit der Musik über Wasser: Eine schwimmende akustische Gitarre auf dem Neckar hinderte ihn am »Abtauchen« und begleitete seinen Sirenengesang. Der Künstler Iradj Esmailpour Ghoochani schickt Hölderlin in einem Glasballon aufs Wasser und vor der Kulisse der von Paul Bonatz geplanten Staustufe in Bad Cannstatt schließlich schraubte sich mit der Aktion »Auftauchen« ein Rettungsring langsam nach oben, begleitet von musikalischen Vibes.

Vom Abzäunen, Aufmachen und Erlauben

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion mit dem Titel »Vom Abzäunen, Aufmachen und Erlauben. Wie gelingt eine neue Planungskultur des Öffentlichen?« diskutierten die Professorin Ute Meyer (Hochschule Biberach), Bettina Pau (KulturRegion Stuttgart), Nina Riewe und Grazyna Adamczyk-Arns (Projektleiterinnen der IBA’27) und Andreas Hofer (IBA’27-Intendant) mit Moderator Christian Milankovic (Stuttgarter Zeitung) über Chancen und Möglichkeiten im Umgang mit dem Neckar. Ute Meyer erläuterte am Beispiel des Tempelhofers Felds in Berlin wie ein Wandel aussehen könnte: als dynamisches Wechselspiel von gezielten Planungsideen und aktivem partizipativem Handeln der Zivilgesellschaft. »In den Köpfen der Menschen muss ein neues Bild des Neckars entstehen.« Sie betonte das differenzierte Bild, das der Fluss mit seinen Nebenarmen schon heute in der Region hat. Der Neckar biete die große Chance, verschiedene Nutzungen zu überlagern. Die Produktionsstätten entlang des Neckars könnten durchlässig gestaltet sein – etwa anstatt des Daimler-Parkhauses direkt am Wasser beispielsweise eher eine Kantine – so könnte laut Hofer der Wandel gelingen. Nicht als Verdrängungsprozess der Industrie, sondern verwoben mit dem Naturraum gewinne der Neckar an Attraktivität. Vorhandene Bauwerke wie Schleusen könnten etwa für Aktionen genutzt werden. Kulturinterventionen seien Instrumente, den Neckar immer wieder ins Bewusstsein zu rufen. Die IBA’27 spiele hier eine zentrale Rolle, sie schaffe Raum für Partizipation und Möglichkeiten. Andreas Hofer wünscht sich einen dialogischen Prozess mit starken Bildern und kreativen Fachleuten und hat einen ganz persönlichen Wunsch für die Zukunft des Neckars: »Ich will an der Fabrik vorbeischwimmen.«

Das IBA’27-Plenum war ein virtuelles Experiment. Herzlichen Dank an alle, die dabei waren und sich beteiligt haben!

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