13.06.23
Gastbeitrag

Fluss lernen

Gastbeitrag von Agency Apéro

Seit 2020 ist die Neckarinsel in Bad Cannstatt Ausgangspunkt für die Rückeroberung des Neckars als Lebensraum für alle. Koordiniert wird das vom Bund geförderte Projekt durch die Agency Apéro.

Der Juni 2021 war ein Monat der Extremwetter für die Region Stuttgart. Esslingen erfuhr ein 100-jähriges Hochwasser, bei dem ganze Wohngebiete unter Wasser standen. In Stuttgart füllten sich die Tunnel der B14 wie Badewannen. Während das Hochwasser droht, fehlen bei wiederkehrenden Hitzewellen von über 30 Grad die Abkühlung und der soziale Freiraum. Kaum Badeseen sowie wenige Orte in der Region, um einmal die Füße ins Wasser zu halten, bieten Alternativen. Die Klimakrise ist drängender Alltag – die Potenziale des Neckars hinsichtlich ökologischer Aufwertung und Schaffung sozial gerechter, klimaangepasster Stadträume seit den 1980er-Jahren bekannt.

Einzelne Projekte, wie beispielsweise die Ludwigsburger Zugwiesen, sind gelungene Leuchttürme. Die große Umgestaltung zu einem zusammenhängenden, regional verlaufenden »Blauen Band« bleibt jedoch in der Konzeptphase stecken. Es herrscht ein Projektstau an der Bundesschiffahrtsstraße Neckar – wie können wir diesen umschiffen?

Wir müssen umdenken. In der Region Stuttgart fehlt es an Erfahrung mit dem Fluss und entsprechend an politischem Rückenwind. Die Angst, sich dem Wasser zu nähern, ohne vorab alle Eventualitäten abgesichert zu haben, ist groß. Aber wir können uns einen sicheren Umgang mit dem Fluss aneignen, wie er in vielen anderen Städten bereits gelebt wird. Beispielsweise im Rhein in Basel, wo trotz Großschifffahrt das Baden im Fluss dazugehört. Um der Frustration zermürbender Planungsprozesse, aber auch der Angst gegenüber den Gefahren des Flusses entgegenzutreten, hilft, wie bei vielen Kulturtechniken, ein langsames Herantasten, das Üben!

Aktivieren heißt Kennenlernen

Was das bedeuten kann, zeigt die Entwicklung unseres Formats der Critical Nass. Ihr Ziel ist es, die Stuttgarter:innen an und auf den Fluss zu holen, damit wir gemeinsam einen neuen, sicheren Umgang mit dem Neckar lernen können. Jede und jeder soll eingeladen sein, mit geliehenem oder eigenem Boot in einer Gruppe den Neckar zu entdecken.

Zunächst haben wir als Initiative selbst erprobt, wie es sich anfühlt, mit einem Kanu oder Stand-up-Paddle auf dem Neckar zu sein. Unterstützt von einem lokalen Bootsverleih, haben wir uns in einer kleinen geschlossenen Gruppe auf den Fluss gewagt. Dieser Schritt schafft ein Bewusstsein für die tatsächlichen Gefahrenpotenziale. Um Möglichkeiten, Regeln und Gefahren zu verstehen, sind das Bundesschifffahrtsamt, die Wasserschutzpolizei und die DLRG wichtige Ansprechpartner: Wann ist der richtige Zeitpunkt, wie viele Menschen können dabei sein? An welcher Stelle müssen Schilder stehen, wie muss vorab informiert werden, welche Karten und Darstellungen helfen, das notwendige Wissen zu vermitteln? Da es wenig Erfahrungswerte gibt, fanden die ersten Aktionen mit begrenzter Teilnehmerzahl statt. Nach jeder Veranstaltung wurde evaluiert und die Planung angepasst. So sind über den Sommer 2021 immer mehr Menschen auf den Fluss gekommen, haben Erfahrung gesammelt und können dieses Wissen weitergeben. In dieser Zusammenarbeit und dem langsamen Wachsen des Formats gelingt es, eine Balance zwischen Sicherheit und Selbstverantwortung auszuloten. Während eine Aktion gemeinsam entwickelt und erprobt wird, entsteht gleichzeitig neues Vertrauen und mehr Raum für weitere und größere Projekte.

Nun muss nicht alles direkt auf dem Neckar beginnen. Obwohl der Fluss kaum zugänglich scheint und die Uferkanten von vielen Nutzungen und Akteuren belegt sind, gibt es viele kleine Orte und Flächen, die gar nicht oder kaum genutzt werden. Diese »Inseln« werden Ausgangspunkte für neue Perspektiven auf den Fluss. Mit dem Bundesschifffahrtsamt Neckar als Schlüsselakteur können Möglichkeiten an diesen Plätzen ausgelotet werden. Mit kleinen baulichen Interventionen wie einer Sitzgelegenheit am Wasser, einem Fernrohr, um auf den Fluss zu schauen, oder einer Holzterrasse kann ein neuer Ort und damit ein neuer Blick geschaffen werden.

Zusätzlich kann mit Aktionen und Veranstaltungen ein neues Bild vom Fluss entstehen. Im Rahmen des Projekts Neckarinsel haben wir viele Formate erprobt. Führungen am Fluss, Diskussionsabende, Salsa-Workshop und Wasser-Kino haben gezeigt, wie groß das Interesse ist, den Neckar besser zu verstehen und wie stark das Bedürfnis ist, an den Fluss zu kommen.

In vielen Kommunen gibt es engagierte Rudervereine, Ehrenamtliche des DLRG und Initiativen, die den Fluss mit Bootsverleih und kleinen Aktionen beleben. Hinzu kommt eine Vielzahl von Initiativen und Ideen, die sich im öffentlichen Raum entfalten möchten – von Urban Gardening bis zum Kunst- und Kulturprojekt. Diese lokalen Potenziale gilt es zu aktivieren! Das damit verbundene Engagement ist ein enormes Potenzial, trotz fehlender kommunaler Ressourcen den ersten Schritt an den Fluss zu schaffen. Meist fehlt nur die Schnittstelle, die informiert und berät, Räume öffnet, Inseln findet und Unterstützung bei sicherheits- und rechtsrelevanten Fragestellungen bietet.

Kontinuität und Kooperation

Regelmäßige Aktionen und ein physisch geschaffener Raum bilden Ankerpunkte, schaffen neue Narrative und neue Gewohnheiten in der öffentlichen Wahrnehmung. Kontinuität und klare Ansprechpersonen ermöglichen Akzeptanz und Erfahrungen, die in die mittel- und langfristige Planung übernommen werden können. Regelmäßige Runde Tische und Austauschformate stärken die Zusammenarbeit innerhalb der Stadtverwaltungen, zwischen Kommune und Schifffahrtsamt sowie zwischen den Kommunen am Neckar. Unterstützt von einem Netzwerkträger, etwa einem »Neckar Management«, könnte die gemeinsame Entwicklung am Fluss in der Region Stuttgart gelingen. 

Ein durch kleine Maßnahmen initiiertes Bewusstsein für den Fluss öffnet Türen und schafft Vertrauen. Nicht nur, um bereits geplante Projekte in die Umsetzung zu bringen, sondern, um noch viele Schritte weiterzugehen. In der Stadt Stuttgart etwa gilt es, das kommunale Badeverbot aufzuheben, damit das Surfprojekt Neckarwelle zu ermöglichen und ein neues Narrativ für die Stadt zu schaffen. Wichtig nicht nur für dieses Projekt ist ein planerisches Umdenken: Vom zweidimensionalen Landschaftsplan hin zu einem dynamischen und kooperativen Prozess, der das ehrenamtliche Engagement der Bürger:innen als Gestaltungspotenzial aktiviert.


Die Saison auf der Neckarinsel hat begonnen. Wer bei der Rückeroberung des Flusses dabei sein will oder einfach den Neckar bei einer Kanutour vom Wasser aus erleben möchte, findet Infos und Termine unter neckarinsel.eu/de

Logo IBA27