22.08.17

IBA 2027 – ein Mehrwert für alle?

Die Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart wird sich große Ziele setzen müssen. Die Herausforderungen für urbane Räume sind gewaltig. Und die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen eine ehrgeizige Messlatte. Das war der Tenor einer Veranstaltung des Dialogforum der Kirchen in der Region Stuttgart.

»Jeder egoistische Umgang mit der Schöpfung ist kulturlos. Sie ist unser höchstes Gut und kann nicht ersetzt werden.« Es waren klare Worte, die aufhorchen ließen und mit denen der Regionaldekan Dr. Heiko Merkelbach eine neue Auflage der Reihe »Ethik in der Region Stuttgart« des Dialogforums der Kirchen eröffnete. »Global – regional – nachhaltig? Die Internationale Bauausstellung im Licht der Nachhaltigkeitszeile der Vereinten Nationen«, lautete der Titel.

Nachhaltigkeit heißt nicht Verzicht

Dr. Merkelbach traf einen Nerv, denn letztendlich – und darin waren sich an diesem Nachmittag alle einig – geht es bei der mit Spannung erwarteten Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 StadtRegion Stuttgart nicht nur darum, Neues zu schaffen. Sondern es geht vor allem auch darum, dies nachhaltig zu tun, Traditionen zu bewahren und dabei behutsam mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen. »Nachhaltigkeit bedeutet nicht Verzicht und Einschränkung. Sondern Nachhaltigkeit ist ein Mehr für alle«, betonte Dr. Merkelbach.

Bezahlbarer Wohnraum, weniger Staus, bessere Luft, ein besserer Personennahverkehr sowie nachhaltige und energieneutrale Baugebiete: All dies sind also die Themen und genau die Herausforderungen, mit denen sich die IBA in den nächsten zehn Jahren auseinandersetzen muss. Dass dabei auch die aktive Mitarbeit der einzelnen Städte gefordert ist, betonte Dr. Wolfram Stierle, Leiter der Grundsatzabteilung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Bei seinem »Spaziergang durch urbane Stadtfragen« ging er der Frage nach, weshalb Städte und urbane Zentren zukunftsentscheidend sind. Und vor allem: Weshalb sie so wichtig sind für alle. »Die Städte bedeuten für die Menschen sehr viel: Hier ist ihr Marktplatz, auf dem sie Handel treiben, hier sind sie kreativ, hier können sie netzwerken«, sagte Stierle.

Deutschland ist Entwicklungsland

So müssten zwei Drittel der von den Vereinten Nationen beschlossenen Nachhaltigkeitsziele für 2030 auch lokal, nämlich in den Städten, erreicht werden. »Städte und Gemeinden sind zentrale Akteure für eine globale und nachhaltige Entwicklung«, betonte der Experte. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass auch Deutschland ein »Entwicklungsland« sei. Auch hier gebe es noch ein großes Entwicklungspotenzial und einiges nachzuholen. Vor allem hinsichtlich des bezahlbaren Wohnraums, des Personenverkehrs und des Energieverbrauchs rangiere Deutschland im Ländervergleich weit hinten. Zudem verursachten Städte 70 Prozent des gesamten Mülls, obwohl sie nur zwei Prozent der gesamten Fläche ausmachten. »Dass die Oberbürgermeister die Nachhaltigkeit zur Chefsache erklärt haben, ist sehr gut«, sagte Stierle.

Mobilität und eine CO2-neutrale Welt gehören auch für Markus Müller zu den zentralen Themen der IBA 2027 StadtRegion Stuttgart, ebenso wie bezahlbarer Wohnraum für alle, die Demografie und die Zuwanderung. »Gute Städteentstehen dann, wenn sich unterschiedliche Kulturenbegegnen«, sagte der Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg. Erst dann komme es zu einem interkulturellen Dialog, bei dem die Menschen voneinander lernten. Immerhin seien auch die Weiterentwicklungen in der Architektur ein Ergebnis von Zuwanderung und dem gegenseitigen Lernen. Die Globalisierung und Öffnung zu Neuem und anderem hin könne auch eine große Innovation erzeugen.

Für die Architekten sei die IBA 2027 eine großartige Chance und Gelegenheit und er sei sehr dankbar, dass die Planer so intensiv eingebunden würden. »Es ist ein Verdienst des Verbandes Region Stuttgart, dass wir Architekten bei der IBA dabei sein dürfen«, betonte der Kammerpräsident. Das große Thema sei für ihn nun, wie das Wohnen im Grünen für die Menschen aktiviert und ausgebaut werden könne. »Wie geht man mit großen und weiten Flächen um? Wie mache ich urbane Lebensweisen zukunftsfähig? Wir müssen Projekte schaffen, die weit über ihre Zeit hinausweisen!«

Als gelungenes und wegweisendes Beispiel hierfür nannte Markus Müller die Weißenhofsiedlung Stuttgart, die bei der Bauausstellung 1927 entstanden war. »Das waren Weltstars, die diese Siedlung gebaut haben – das war keine lokale Prominenz! Auch bei der IBA 2027 müssen wir ungewöhnliche Menschen zulassen und uns auf Denkweisen einlassen, die wir heute vielleicht noch nicht kennen«, forderte Müller.

Die IBA muss ehrgeizige Ziele formulieren

Die IBA müsse größere Ziele formulieren, schließlich verfüge die Region Stuttgart über eine große Tradition und eine hohe Innovationsrate. Dass sich 179 Kommunen und 500 Partner in der Region Stuttgart an der IBA beteiligten, bezeichnete Müller als kreativ, produktiv, politisch, regional und »die Sache aller«. Gleichzeitig warnte er davor, während der Entwicklung der Projekte in den nächsten zehn Jahren ungeduldig oder nervös zu werden. »Wir werden erst im Jahr 2021/22 über die Realisierungen der Projekte sprechen. Es wird spannende Diskussionen geben, es wird aber auch anstrengend werden. Wir werden ehrgeizige Ziele formulieren und die werden wir auch erreichen.« Er sei sich ganz sicher, dass die IBA 2027 StadtRegion Stuttgart ein riesiger Erfolg und Stuttgart im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit stehen werde. »2027 wird die Welt nach Stuttgart blicken und es wird nicht peinlich werden! Es wird einen enormen Nutzen für die Region geben und Stuttgart wird seiner Verantwortung für Europa gerecht werden!«

Text: Claudia Bell
Quelle: Region Stuttgart Aktuell – Infomagazin des Verbands Region Stuttgart, Ausgabe 3/2017

teilen

Logo IBA27