19.10.22
Einblicke

IBA’27-Projekt Quartier C1 Wagenhallen (Stuttgart)

Die städtebauliche Entwicklung auf der Stuttgarter Prag reicht zurück ans Ende des 19.Jahrhunderts. Nachdem der Zentralbahnhof am Schloßplatz für die mit der Industrialisierung rasch wachsende Landeshauptstadt zu klein geworden war, erwarben die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen 1891 das Areal zwischen Eckertshalden, Rosenstein und Schloßgarten, um den Eisenbahnknoten für das gestiegene Verkehrsaufkommen weiterzuentwickeln. In rascher Folge entstanden hier der später Nordbahnhof getaufte »Prag-Bahnhof«, das »Eisenbahnerdörfle« und der Abstellbahnhof am Rosenstein.

Der Lokomotivschuppen – die heutige Wagenhalle – im Gleisdreieck zwischen Gäu-, und Nordbahn beherbergte auf 59 Gleisen zunächst den gestiegenen Bedarf an Dampflokomotiven ehe er ab den 1920er-Jahren zum Wartungszentrum für Güterwaggons und schließlich zu Beginn der fünfziger Jahre zum Busdepot umgewidmet wurde.

Nach der Übernahme des Areals durch die Landeshauptstadt begann mit dessen Zwischennutzung seit 2003 eine der kontroversesten und zugleich fruchtbarsten urbanen Entwicklungen in Stuttgart. Im Windschatten von Stuttgart 21 behaupteten Kleingewerbe und Kulturschaffende hier gemeinschaftlich und kreativ die in der Stadt traditionell kaum vorhandenen Freiräume gegen allseitige Verwertungsinteressen. Sie schufen so einen Ort, der beispielhaft für ein selbstbestimmtes und kreatives Arbeiten und Zusammenleben steht und dem renditeorientierten Ausverkauf der Stadt das Modell einer gemeinwohlorientierten Entwicklung gegenüberstellt.

Nach Erarbeitung eines Nutzungskonzepts und Klärung von Trägerschaften wurden die Wagenhallen bis 2018 behutsam saniert und durch einen Neubau erweitert. Neben Veranstaltungsflächen und Proberäumen stehen in den Gebäuden heute rund 100 Ateliers zur Verfügung – größtenteils als Holzkuben im Raum-in-Raum-Konzept ausgeführt. Ein langfristiger Mietvertrag zwischen Stadt und gGmbH des Kunstvereins Wagenhalle gibt Nutzerinnen und Eigentümern Planungssicherheit.

Während der rund dreieinhalbjährigen Sanierungszeit entstand auf dem Gelände vor und um die Halle als Ausweichquartier für Produktion und Veranstaltungen die »Container City«. Die teils spektakulären temporären Bauten etablierten sich nicht nur schnell als beliebter Szenetreff, sondern entwickelten sich durch die so vielfältige wie kreative Akteurskonstellation auch bald zu einem Labor für eine nachhaltige, kooperative Stadtentwicklung. Hier arbeiten Künstlerinnen in Werkhöfen und Freiluftateliers, forschen Architekten nach der Konstruktion mit lebenden Pflanzen, bauen Anwohnerinnen auf dem »Stadtacker« Lebensmittel an.

Das in den Freiräumen und Nischen entstandene Zusammenleben war so überzeugend, dass die mit dem Rahmenplan für den neuen Stadtteil Stuttgart Rosenstein beauftragten Architekten die Geschichte des Ortes als Kreativquartier fortschreiben. Auf dem prosaisch »C1« getauften Teilgebiet – der künftigen »Maker City« – sollen Wohnen, Leben, Produktion, Kunst und Kultur in enger Nachbarschaft zueinander stattfinden. Gegenwärtige Akteure und Projekte sollen das Quartier weiterhin bewirtschaften und bewohnen; Experimente, Ökologie und Gemeinschaft das Zusammenleben auch in Zukunft prägen.

So sind an und um die ehemalige Lokomotivremise im Stuttgarter Norden fast im Übermaß die Potenziale vorhanden, um im Sinne der Neuen Leipzig-Charta ein gemeinwohlorientiertes, produktives, gerechtes und grünes Stück Stadt zu entwickeln. Die Chance zum leuchtenden Beispiel liegt genau hier: in der produktiven Reibung zwischen selbstbewussten Bewohnerinnen und Akteuren, einer verständigen Fachplanung und einer Verwaltung, die lernt, sich als Brückenbauerin und Ermöglicherin zu verstehen.

Alle Bilder stammen von der Fotografin Dominique Brewing.

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