26.01.23
Unterstützung

Ukrainische Stadt Winnyzja entwickelt Modell für bezahlbaren Wohnraum

Die Stadt Winnyzja ist, wie andere Städte und Gemeinden in der Ukraine auch, einem enormen wirtschaftlichen und sozialen Druck ausgesetzt, der durch die groß angelegte militärische Aggression Russlands verursacht wird. Der Wohnungsbau ist einer der am stärksten vom Krieg betroffenen Bereiche. Schon Untersuchungen und Daten über den Zustand und den Bedarf an Wohnraum in der Vorkriegszeit haben gezeigt, dass die meisten Stadtbewohner sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene eine deutliche Verbesserung der Wohnverhältnisse benötigen. Der Krieg hat die bereits bestehenden Herausforderungen im Bereich der Wohnungspolitik weiter verschärft.

In Zusammenarbeit mit der IBA’27 und mit Unterstützung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) will das Institut für Stadtentwicklung im Auftrag der Stadtverwaltung von Winnyzja jetzt ein Modell für bezahlbaren Wohnraum entwickeln: Wie kann unter Berücksichtigung der bestehenden Herausforderungen und der verfügbaren Ressourcen mehr bezahlbarer Wohnraum bereitgestellt werden? Welche Rolle spielt die Stadtverwaltung dabei und wie sollte der lokale Immobilienmarkt eingebunden werden?

Es diskutierten Nazar Kovalenko (Institut für Stadtentwicklung, Winnyzja), Urs Thomann (Van de Wetering Atelier für Städtebau GmbH), Yuliia Zalomaikina (IBA’27), Mykola Kostrytsia, PhD (CANactions), Olena Pitirimova (CANactions). Alle Institutionen sind maßgeblich am Prozess beteiligt.

Kick-Off: Lernen von Tübingen, Zürich und Wien

Um von anderen Städten zu lernen, fand im Sommer 2022 ein Austausch mit Vertreter:innen aus Tübingen, Zürich und Wien statt. Die eingeladenen Expert:innen gaben jeweils einen Überblick über etablierte Wohnungsbaumodelle, denn diese Städte schaffen sozial orientierten und bezahlbaren Wohnraum für ein breites Spektrum von Bürgerinnen und Bürgern. Die Stadtverwaltungen spielen hierbei eine proaktive Rolle und nutzen eine Vielzahl von Mechanismen, um den Prozess zu steuern. Dabei spielen die Verfügbarkeit von Grundstücken in städtischem Besitz sowie die Förderung des langfristigen Mietwohnungsmarktes eine wichtige Rolle. Tübingen, Zürich und Wien arbeiten dazu eng mit sozialen Wohnungsbaufonds und -genossenschaften, Baugruppen und Mietshäuser-Syndikaten zusammen. Das Beispiel Tübingen zeigte zudem, wie die Flüchtlingsunterbringung mit der Wohnungsbaustrategie verknüpft werden kann.

Vor-Ort-Workshops in Winnyzja: Ideen, Situationsanalyse und Themensuche

Auf Basis dieser internationalen Erfahrungen fanden weitere Workshops mit Vertretern der Stadtverwaltung von Winnyzja, internationalen Partnern (IBAʼ27, GIZ) und lokalen Partnern (Agentur für Raumentwicklung) vor Ort statt.

Nazar Kovalenko, Direktor des Instituts für Stadtentwicklung: »Wir haben sehr aktive und manchmal schwierige Diskussionen zwischen den Teilnehmern des Workshops, denn das Thema bezahlbarer Wohnraum ist für uns neu, ziemlich komplex und gleichzeitig äußerst relevant. Wir können bereits erkennen, dass das bestehende Instrument – das kommunale Wohnungsbauprogramm – ein interessantes Beispiel für bezahlbaren Wohnraum ist und das Potenzial zur Ausweitung hat. Aber es ist auch wichtig, andere Ansätze zu entwickeln, das ist das Hauptziel der Workshops.«

Lokale Expert:innen haben verschiedene Optionen entwickelt, die dazu beitragen könnten, die Wohnkosten zu senken, aber auch die Qualitäten und Parameter von komfortablem, erschwinglichem Wohnraum zu definieren. Zudem wurde die Rolle der Kommune und mögliche Standorte erkundet.

Die Beiträge von Urs Thomann und Yuliia Zalomaikina erörterten folgende Fragen: Für wen wird bezahlbarer Wohnraum geschaffen? Wie kann man Bewohnern mit unterschiedlichem Einkommen den Zugang zu hochwertigem, bezahlbarem Wohnraum ermöglichen? Wie kann die Stadt ein strategisches Verständnis dafür entwickeln, in welche Projekte sie Ressourcen (Zeit, Finanzen, Land) investieren soll? Olena Pitirimova vermittelte einen allgemeinen Einblick in relevante Initiativen und Projekte zu kostengünstigem Wohnungsbau in der Ukraine. Die Frage der verfügbaren und potenziellen Ressourcen stand im Mittelpunkt der Diskussion, insbesondere, welche angesichts des begrenzten städtischen Budgets zusätzlich gewonnen werden können. Zudem wurde diskutiert, wie die wichtigsten Qualitäten des Wohnraums (architektonisch, räumlich, funktional) wirtschaftlich gesichert werden können.

Während der Workshops wurde eine Reihe von Problemen identifiziert, die weitere Datenerhebungen erfordern. Das Team von CANactions hat die Ergebnisse ausgewertet und »blinde Flecken« festgehalten, die weiter untersucht werden. Im nächsten Schritt müssen Vertreter aktiver lokaler Organisationen einbezogen und die Beteiligung der Bürger:innen am Prozess initiiert werden.

Folgende Handlungsfelder wurden definiert:

  • Kommunales Wohnungsbauprogramm 2.0: Überdenken des Prozesses zur Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum
  • Aufbau institutioneller Kapazitäten für die Gestaltung einer aktiven städtischen Wohnungspolitik
  • Ausarbeitung von Leitbildern und Qualitäten im Bereich Wohnen und Bauen auf kommunaler Ebene
  • Einbeziehung ungenutzter Ressourcen zur Bereitstellung von bezahlbarem Mietwohnraum und zur Förderung von selbst genutztem Wohneigentum
  • Einrichtung einer engen Zusammenarbeit zwischen Kommunalverwaltung, Privatwirtschaft, sozialen und gemeinnützigen Einrichtungen zur Erschwinglichkeit von Wohnraum
  • Einsatz für die Entwicklung geeigneter Bedingungen für das vollständige Funktionieren des Marktes für erschwingliche Mietwohnungen

Das Potenzial in der Entwicklung von Städtepartnerschaften und Kooperationen auf thematischer Ebene wurde in den Prozess- und Feedbackrunden mit Wohnungsexperten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz mehrfach hervorgehoben. Daraus könnte ein Programm für einen langfristigen Expertenaustausch mit den Partnerstädten von Winnyzja entstehen. Ebenso strebt Winnyzja, weitere Partnerschaften zu Städten mit zukunftsweisenden Projekten aufzubauen (z. B. Tübingen).

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