16.10.26

Wie wird aus einer zukunftsweisenden Idee eine Bauweise für viele?

Interview mit Prof. Florian Kaiser

Biobasierte Baustoffe werden das Bauen verändern. Doch wie entstehen daraus langlebige, bezahlbare Häuser – und wie wird eine Bauweise vom Einzelprojekt zum Regelfall? Darüber spricht IBA’27-Intendant Andreas Hofer mit Prof. Florian Kaiser vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) anlässlich der Neuerscheinung seines Konstruktionshandbuchs »Stroh«.

Andreas Hofer: Wenn wir über biobasierte Baustoffe sprechen, landen wir schnell bei der Frage nach den CO₂-Emissionen des Materials. Mich interessiert aber der größere Zusammenhang: Wie fügen wir kleine Teile zu Gebäuden, die lange halten? Warum ist es so schwierig, erprobte Ansätze in größerem Maßstab einzusetzen? Stroh ist dafür ein gutes Beispiel. Seit hunderten Jahren im ländlichen Raum eingesetzt, erlebt die Bauweise jetzt eine Renaissance, es gibt Tagungen und Verbände. Trotzdem braucht jedes Projekt enorme Überzeugungsarbeit und ist auf mutige Pionier:innen angewiesen, die erhebliche Widerstände überwinden.

Florian Kaiser: Für mich beginnt die Antwort noch vor der Materialwahl mit einem anderen Blick auf Gebäude: Stewart Brand beschreibt in seinem Shearing Layers-Modell Gebäude als Zusammenspiel von Schichten mit unterschiedlicher Lebensdauer. Ein Tragwerk sollte möglichst lange bestehen; Fassade und Haustechnik müssen sich reparieren oder austauschen lassen. Wenn ein Gebäude schon da ist, gehen wir zunächst respektvoll mit diesem Bestand um. Bei einem Neubau fragen wir, wie er auch in vielen Jahrzehnten noch genutzt werden kann. Erst dann kommt die Frage, welches Material für welche Schicht sinnvoll ist.

Andreas Hofer: Häuser werden oft nicht abgerissen, weil das Tragwerk kaputt ist, sondern weil ihre Geometrie keine andere Nutzung mehr zulässt. In Stuttgart-Rot haben wir uns mit einfachem Wohnungsbau aus der Nachkriegszeit beschäftigt: knappe Geschosshöhen, tragende Zimmerwände, geringe Gebäudetiefe, schwierige Topografie. Schallschutz oder Barrierefreiheit nachzurüsten, wird dann enorm aufwendig. Wie entwerfen wir heute so, dass die Gebäude nicht in einigen Jahrzehnten vor demselben Problem stehen?

Florian Kaiser: Indem wir Räume weniger eng auf eine bestimmte Nutzung zuschneiden. Wenn ein Kinderzimmer nur als Kinderzimmer und ein Elternschlafzimmer nur als Elternschlafzimmer funktioniert, ist das Gebäude in seiner Funktion festgelegt. In unserer Publikation »Unfertige Häuser« sprechen wir von Räumen ohne Eigenschaften – ähnlich groß, für Verschiedenes geeignet. Gründerzeithäuser zeigen, welchen Wert eine solche Offenheit haben kann. Die Tragstruktur und die Raumhöhe sind dafür entscheidend. Und wir sollten Bauteile nicht mit so vielen Funktionen verschmelzen, dass wegen einer defekten technischen Anlage gleich die ganze Wand ersetzt werden muss.

Andreas Hofer: Zugleich ist die Frage nach dem Erhalt nicht immer einfach. Bei manchen Nachkriegsbauten braucht es Anbauten, Aufstockungen und Eingriffe in die Fundamente, um heutigen Anforderungen näherzukommen. Dann stellt sich auch die wirtschaftliche Frage. Wir müssen abwägen, ob wir einen schwierigen Bestand noch einmal ertüchtigen oder ein Haus bauen, das die nächsten Jahrhunderte tragen kann.

Florian Kaiser: Das lässt sich nicht pauschal beantworten und wir beraten regelmäßig Kommunen diesbezüglich. Wir haben kürzlich in Heilbronn ein Nachkriegsgebäude untersucht und am Ende der Studie mit einem Laubengang eine Lösung für den Erhalt gefunden, die wirtschaftlich funktioniert. Bei einem anderen Haus kann das Ergebnis anders ausfallen. Für Neubauten ist die Lehre klarer: nutzungsneutrale Grundrisse und langlebige Strukturen muss man von Anfang an mitdenken.

Andreas Hofer: Und das Raumklima. Die Untersuchungen von Florian Nagler und Thomas Auer zum einfachen Bauen in Bad Aibling zeigen, was etwas höhere Räume, passende Fenster und eine kluge Geometrie leisten können. Oft wird bei Raumhöhe und Fläche gespart, weil sich das unmittelbar in ökonomischen Kennwerten niederschlägt und dann kommt die Planung der Gebäudetechnik. Aus mangelnder Kompetenz und mit der Drohung von Haftungsproblemen und Komfortmängeln konfrontiert, scheint hier vieles alternativlos.

Florian Kaiser: Das Forschungsprojekt von Florian und Thomas ist für mich wichtig. Es wäre häufig klüger, Geld in die Raumhöhe zu stecken als in immer mehr Haustechnik. Nur muss der Bebauungsplan das zulassen. Wenn durch ein paar Zentimeter mehr Geschosshöhe ein ganzes Geschoss verloren geht, scheitert die Idee wirtschaftlich. Solche Regeln beeinflussen, wie einfach und dauerhaft wir bauen können. Dasselbe gilt für dickere Wandaufbauten aus nachwachsenden Materialien.

Andreas Hofer: Wir sehen bei unseren IBA’27-Projekten auch ein wachsendes Vertrauen in tiefere, kompaktere Häuser und in Laubengänge. Das verändert die Rechnung: kleine Wohnungen in größeren Gebäuden, weniger Hüllfläche, weniger Aufwand unter der Erde. Können Ökologie und Wirtschaftlichkeit hier zusammenfinden?

Florian Kaiser: Ja, wenn die Grundentscheidungen früh fallen. Wenige Vor- und Rücksprünge, ein klares Raster, gut belichtete, auch tiefere Grundrisse: Das spart Material und Arbeit. Beim IBA’27-Projekt »Leben in der Vorstadt« in Schorndorf sind die Deckenspannweiten im gesamten Haus konsequent identisch. Das macht auch für die Fertigung einen großen Unterschied. Bauherr:innen wünschen sich ökologisches Bauen, befürchten dann jedoch höhere Baukosten. Mit unseren Projekten versuchen wir nachzuweisen, dass zwischen ihren wirtschaftlichen Zielen und einer materialbewussten Bauweise eine große Schnittmenge liegt.

Vom Strohballen zum mehrgeschossigen Haus

Andreas Hofer: Dann kommen wir zum Stroh. Es fällt als Nebenprodukt der Landwirtschaft an, während andere Dämmstoffe erst mit großem Energie- und Materialeinsatz hergestellt werden. Warum ist ein Haus mit Strohdämmung noch nicht selbstverständlich?

Florian Kaiser: Stroh bindet während des Wachstums Kohlenstoff. Solange es im Gebäude verbaut ist, bleibt dieser gespeichert. Als Ballen zwischen Holzständern lässt es sich mit Lehm verputzen; das ist eine unmittelbar verständliche, handwerkliche Bauweise. Aber das Stroh vom Feld ist noch kein fertiges Wandelement. Es muss passend gepresst, transportiert und eingebaut werden. Gerade diese Arbeitsschritte und Wege bestimmen die Kosten. Das Material allein als »gratis« zu bezeichnen, greift deshalb zu kurz.

Andreas Hofer: Im IBA’27-Projekt »ZusammenLeben Im Blütengarten« in Backnang ist dieser handwerkliche Weg sichtbar. Die Häuser werden mit Stroh gedämmt und mit Lehm verputzt. Menschen konnten dort sogar bei einem kleinen Stroh-Lehm-Bau selbst mitarbeiten. Wie wird aus solchen Erfahrungen eine Bauweise für größere Vorhaben?

Florian Kaiser: Indem wir das Handwerk mit planbaren Abläufen verbinden. Bei unserem Haus Hoinka haben wir Ballen noch auf der Baustelle zugeschnitten. Die Zimmerei Grünspecht, mit der wir unter anderen zusammenarbeiten, verwendet 80er Ballen, was zu einem wiederholenden Achsmaß führt. Viele Anbieter fertigen ganze Holz-Stroh-Elemente vor oder blasen Stroh in einen Holzrahmenbau ein. Ich glaube an solche mittelständischen Betriebe: Sie kennen das Material und können ihre Fertigung Schritt für Schritt verbessern. Am Ende werden vermutlich mehrere Verfahren nebeneinander bestehen.

Andreas Hofer: Euer Buch »Stroh« soll dabei helfen, Erfahrungen zugänglich zu machen. Wo ist die größte Lücke?

Florian Kaiser: Bei mehrgeschossigen Gebäuden. Ein kleines Haus mit Strohballen zu dämmen, ist längst erprobt. In höheren Gebäudeklassen kommen andere Anforderungen an den Brandschutz hinzu. In Schorndorf war die Baurechtsbehörde aufgeschlossen, fragte in Vorabstimmungen jedoch nach einem vergleichbaren, bereits genehmigten Haus. Wenn es kaum Vorbilder gibt, beginnt jede Abstimmung von vorn. Das Buch versammelt im Bau befindliche und fertiggestellte Häuser mit Details und den jeweiligen Wegen zur Genehmigung. Die Pionierarbeit verschiebt sich gerade vom kleinen Gebäude zu vier- und fünfgeschossigen Wohnhäusern.

Andreas Hofer: Das ist für die IBA’27 eine entscheidende Schwelle. Ein einzelnes Haus zeigt Möglichkeiten, für eine Veränderung im Wohnungsbau brauchen wir aber größere Volumen. Zugleich steigen mit jeder höheren Gebäudeklasse die Anforderungen und der Aufwand. Wenn wir auf baurechtlich zulässige Geschosse aus diesen Gründen verzichten, verhindern Normen Ökonomie und Ökologie. Bringt eure Arbeit hier Fortschritte?

Florian Kaiser:  Mit unserem Buch stellen wir nicht nur den Stand der Forschung dar, wir zeigen die Beispiele, die bereits bewilligt und häufig gerade im Bau sind. Solche Referenzen geben Behörden Sicherheit, die noch keine Erfahrung haben. Auch die Frage, ob sich die heute teils eingesetzten Gipsplatten durch andere Lösungen ersetzen lassen, interessiert uns in der Forschung am KIT. Der Strohballen selbst ist ein guter Putzträger für Lehm; diese Oberfläche lässt sich reparieren, gegebenenfalls sogar mit Beteiligung der späteren Bewohner:innen unter fachlicher Anleitung. Bei vorgefertigten Elementen oder Einblasdämmung stellen sich andere Fragen. Auch Hanfkalk, Einblasstroh und gepresste Strohsteine können je nach Anwendung eine Rolle spielen.

Bauteile als Vorrat für die Zukunft

Andreas Hofer: Beim IBA’27-Vorhaben »Domino Zirkular« untersucht ihr am KIT, wie Holz aus Rückbauten erneut in Gebäuden eingesetzt werden kann. Man könnte hier die Frage vom Anfang unseres Gesprächs nach den Schichten und der Fügung der Bauteile am Lebensende umkehren: Sollen wir Bauteile oder Baumaterialien gewinnen und wieder verbauen?

Florian Kaiser: Nachdem Bestandserhalt hat die Wiederverwendung gesamter Bauteile die größte Wertschöpfung. Das stellt allerdings Anforderungen an Lagerung, Maße und Planung. Sollte dies nicht gelingen, versuchen wir möglichst große Holzquerschnitte zu erhalten, aus denen neue Bauteile entstehen. So stellen wir beispielsweise Stützen oder Unterzüge her. Wir versuchen stets, die Kaskade möglichst wenig nach unten zu gehen. Für »Domino Zirkular« untersuchen wir zudem, wie aus zurückgewonnenen Bohlen eine Dübelholzwand werden kann. Das Ziel ist es industriell fertigbare Produkte zu entwickeln, die auch außerhalb des universitären Kontexts fertigbar sind.

Andreas Hofer: In der Praxis stößt man auf Nägel, Schadstoffe und Holz unbekannter Herkunft. Lässt sich diese Arbeit automatisieren, oder bleibt das ein Projekt für Studierende mit viel Zeit?

Florian Kaiser: Wir zahlen durchaus Lehrgeld. Beispielsweise erwies sich das Holz eines geretteten Dachstuhls nach der Bergung als belastet und war nicht einfach wieder zu verwenden. Genau deshalb brauchen wir Verfahren, die Holz erfassen, prüfen, sortieren und störende Metallteile erkennen. Gemeinsam mit Moritz Dörstellmann und industriellen Partnern untersuchen wir, welche Prüfschritte Scanner, Roboter oder spezialisierte Maschinen übernehmen können. Gleichzeitig lernen wir für neue Verbindungen: Was wir heute verschrauben, sollte sich später wieder lösen lassen. Auch saubere Produktionsreste aus Holzbaubetrieben sind eine wichtige Quelle, weil ihre Herkunft bekannt ist.

Andreas Hofer: Wir befinden uns in einer schwierigen Lage für die Bauwirtschaft. Ist das ein guter Zeitpunkt für solche Veränderungen?

Florian Kaiser: Die Kosten setzen uns unter Druck, aber gerade deshalb arbeiten wir an einfachen Geometrien, klaren Rastern und wiederholbaren Lösungen. In Schorndorf zeigt sich, wie eng Planung und Holzbaubetrieb dafür zusammenarbeiten müssen. So konnten wir sehr gute Kostenkennwerte erreichen. Langfristig hoffe ich auch auf einen anderen Blick auf Gebäude: nicht als etwas, dessen Rückbau nur Geld kostet, sondern als Rohstofflager. Wenn der Wert der Wiederverwendung nachweisbar wird, könnte das eines Tages sogar die Finanzierung beeinflussen. Noch ist das allerdings eine Perspektive, kein fertiges Geschäftsmodell. Aber das sind die richtigen Themen, um Auftraggeber:innen überzeugen zu können, dass es sich auch ökonomisch lohnt, ökologisch zu bauen.

Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert das umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh:

Stroh
Konstruktionshandbuch
DETAIL-Verlag
ISBN: 978-3-95553-693-0

Die Buchpräsentation findet am 21.10.26 um 19 Uhr in Karlsruhe im Moebelarchiv, Gewerbehof Steinstraße 23 statt. Mehr Infos

Prof. Florian Kaiser (Bild: Atelier Kaiser Shen)

Prof. Florian Kaiser

Prof. Florian Kaiser, geboren 1987 in Biberach a. d. Riß, studierte Architektur an der Universität Stuttgart und schloss dort 2012 das Diplom mit mehreren Auszeichnungen ab. Nach dem Diplom arbeitete er bei Herzog & de Meuron in Basel. 2017 gründete er zusammen mit Guobin Shen das Architekturbüro »Atelier Kaiser Shen«, das er seit September 2025 gemeinsam mit Kilian Juraschitz führt. Ihre Arbeiten wurden mehrfach publiziert und ausgezeichnet, so zum Haus des Jahres 2023, dem AR House Award 2024, dem Deutschen Architekturpreis 2025 (Auszeichnung) und zuletzt als Sieger beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur 2025.
2020 erfolgte die Berufung in den Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) und 2022 die erste Einzelausstellung mit dem Titel »Unfertige Häuser« in der Architekturgalerie am Weißenhof. 2024 erfolgte die Berufung auf die Tenure-Track Professur »Kreislaufgerechter Holzbau« am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Das Gespräch führte Andreas Hofer. Verschriftlichung und redaktionelle Bearbeitung: Ursula Hoffmann.