29.05.19
Beitrag aus dem IBA’27-Kuratorium

Folke Köbberling: Wohnen und arbeiten als Künstlerin oder der Ruf nach zivilem Ungehorsam

Seit 1995 wohne ich in Berlin. Damals war Berlin eine Stadt des Umbruchs, der Brachen, der Freiräume und der billigen Mieten. Künstlerinnen und Künstler verließen Braunschweig, Kassel, Karlsruhe nach dem Kunststudium, sogar aus München kamen sie in Scharen, um hier zu leben, und prägten so die Stadt.

1995 wohnte ich in Neukölln in einer Einraumwohnung und teilte mir mit einem Alkoholikerpaar und seiner Katze die Außentoilette. Ein halbes Jahr später zog ich nach einem Streit über Toilettendienste nach Pankow, um gleich darauf in einer Umsetzwohnung im Sanierungsgebiet zu landen. Von früh bis spät litt ich unter den Geräuschen des Presslufthammers. Mit meiner Nachtschicht in einer Alzheimer-WG ging das gar nicht und so zog ich in mein Atelier nach Kreuzberg, in einem dreihöfigen Industrieareal, das mehr als 150 Künstlerinnen und Künstler und Kleingewerbe bei konstanter Miete beherbergte. 2014 ist auch dieser Ort geräumt worden. Die Vermieterin hatte das ganze Areal an ein schwedisches Immobilienunternehmen verkauft, um auf eine zweijährige Kreuzfahrt zu gehen. Das Gebäude wurde zum Headquarter des Wohnungskonzerns, der das Gebäude entkernen und die Luftschutzkeller zu einer Tiefgarage umbauen ließ. Ein Tor mit Wachschutz, Überwachungskameras und Zierbäume schmücken jetzt unsere ehemalige Arbeits- und Wohnstätte, die mehr als 20 Jahre lang das Zentrum unseres Lebens war.

Nach und nach sind viele alteingesessene Berliner und auch die Künstlerinnen verdrängt worden. Clubs wie der Eimer, das Boudoir in der Brunnenstrasse sind Easyjet-Hotels und Sushi-Bars gewichen. Wenn die Mietpreisbremse in Berlin, die im Mai 2020 ausläuft, nicht verlängert wird, werden auch die letzten Künstler aus der Stadtmitte verschwinden. Das internationale Kapital hat sich mittlerweile auch Berlin einverleibt, wie vorher schon Metropolen wie London, New York und Rom. Wir wissen genau, was das heißt, können wir doch die Entwicklung, die uns droht, an diesen Städten ablesen. Massen von Urlaubern werden durch das Stadtzentrum geschleust, Wohnungen für Familien sind nicht mehr zu bezahlen. Die Stadt gehört den Touristen und dem Kapital. In Berlin gibt es – wie auch in anderen Metropolen – etliche Wohnungen, die nur als Zweitdomizile genutzt werden, die nur für Airbnb-Kunden vorgesehen sind.

Seit 2016 wohne ich in Mitte, in einer kleinen Remise in der Ackerstrasse im Süden, im ehemaligen Ostberlin. Eine Idylle, an die ich über dem Berufsverband Bildender Künstlerinnen (BBK) gekommen bin. Aber auch nur bis der Eigentümer kommt. Vier Atelierwohnungen hat er gekauft. Eine steht schon seit drei Jahren leer und das in einer Stadt, wo die Wohnungsnot Thema Nummer eins ist.

Aber es gibt Hoffnung, die Stadt wieder zurückzuerobern. Nicht die Politik oder die Stadtplanung haben diesen Prozess eingeleitet, sondern Künstler. Das ehemalige Rotaprint-Areal, das Haus der Statistik, die australische Botschaft und jetzt das Haus des Kommens sind Initiativen von Künstlerinnengruppen, die dieser Stadtpolitik und dem Ausverkauf etwas entgegensetzen. Es ist ein Kampfakt. Lange hat die Initiative Haben und Brauchen in unendlich vielen Sitzungen dafür gekämpft, dass Künstlerinnen für ihre Ausstellungspraxis auch entlohnt werden, um in dieser Stadt, wo die Mieten sich innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt haben, überleben zu können. Eine Initiative, die darauf aufmerksam gemacht hat, dass es einen Zusammenhang zwischen Armut und Touristenströmen gibt.

Die Stadt kauft Immobilien zurück. Natürlich zu einem exorbitanten Preis. So gibt es jetzt einen runden Tisch, wo Künstler sich für ein zurückgekauftes Gebäude mit einem Konzept bewerben dürfen. Aber erstmal mussten sie darauf aufmerksam machen, dass ungenutzt brachliegende Gebäude nicht nur potenziellen Reichtum darstellen. Wenn örtliche Mieter und finanzschwache Künstlerinnen sie nutzen, werden sie der Spekulation entzogen, stellen lokale Bezugspunkte her und stärken die Nachbarschaft.

Beim Haus der Statistik waren die Künstler Boris Joens, Alexander Callsen von der Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser (AbBA) sowie Harry Sachs die Initiatoren. Sie hatten als künstlerischen Akt ein Banner an das seit 1989 leerstehende Gebäude am Alexanderpatz gehängt: »Hier entstehen für Berlin Räume für Kunst, Kultur und Soziales«, so brachten sie das Haus der Statistik zurück in die Stadtdebatte. Sie haben durch ihre Behauptung etwas in Gang gesetzt, was sonst durch Gremien, Diskussionen, Interessenskonflikte bestimmt schon im Keim erstickt worden wäre.

Seitdem sind vier Jahre vergangen. Einer von Anfang an transparenten Entscheidungspolitik mit allen Akteuren ist es zu verdanken, dass das Haus der Statistik gerettet wurde. Berlin investiert nun 14 Millionen Euro. Ein Stück des Alexanderplatzes, der in den letzten Jahren ganz zur Konsummeile geworden ist, wird Teil einer Gegenbewegung.

Es formieren sich immer mehr Künstlerinnen, die ihre Ateliers verloren haben, die in naher Zukunft aufgrund von Eigenbedarf oder Aufhebung der Mietpreisbremse ihre Wohnungen verlieren werden, und die sich nach anderen Arten von Wohnen und Arbeiten umsehen müssen. Die Initiative AbBA veranstaltet regelmäßig mit dem BBK Veranstaltungen, um weiter auf die Dringlichkeit des Problems aufmerksam zu machen. Die Künstler*innengruppe Haus des Kommens versucht, ein Haus am Erkelenzdamm, nur drei Häuser entfernt von meinem alten Atelier, zurückzumieten, um nach dem Modell des Commoning interdisziplinäre Nutzungskonzepte zu erproben und zu realisieren. Der Begriff Commons bedeutet Allmende, beim Commoning geht es darum, Allgemeingüter zu schaffen und zu erhalten, sie gemeinsam zu nutzen und zu bewirtschaften.

Aber bevor die Akteur Gehör und Verständnis bei der Politik finden, müssen sie, wie beim Haus der Statistik mit der Behauptung der Besetzung geschehen, neue Aktionen des zivilen Ungehorsams oder neue Formate entwickeln und umsetzen, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Text: Folke Köbberling, IBA’27-Kuratorin

Der Text entstand für das dritte Plenum, das unter dem Motto »Wohnen neu denken – Wie wohnen?« stand.

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