Fachtagung
Der Neckar als Zukunftsraum
»Wenn eine Stadt es schafft, dass man in ihrem Fluss schwimmen kann, hat sie die höchste Kulturstufe erreicht.«
Andreas Hofer, IBA’27-Intendant
Die Fachtagung »Flussregion werden! Die Fabrik, die Stadt und ihr Fluss« Mitte Mai 2026 richtete den Blick auf ein Gewässer, der Stuttgart und die Region lange eher technisch geprägt hat – als Infrastruktur, Industrieachse, Verkehrs- und Wirtschaftsraum. Schon lange herrscht der Wunsch vor, ihn stärker als Lebensraum, Klimaraum und verbindendes Element zu denken.
In seiner Einführung sieht IBA’27-Intendant, Andreas Hofer, in der eher langsamen Transformation des Flusses in der Region auch eine Chance: »Wir haben noch nicht so viel verloren an Fabrik und Produktivität, es ist daher noch vieles gestaltbar.« Gerade deshalb könnten die nächsten Jahre »wahnsinnig spannende Zeiten für diese Region« werden. Dr. Alexander Lahl, Regionaldirektor des Verband Region Stuttgart, hebt in seiner Begrüßung die geplante BUGA 2043 hervor: mir ihr könnte ein weiterer Zukunftsanker entstehen.
»Wasser ist die Grundlage von allem«, fasst Martin Tschepe, Vertreter der Josef Wund Stiftung, die Motivation seines Engagments für die Neckartagung zusammen. Die Josef Wund Stiftung fördert gemeinsam mit dem IBA’27 Friends e.V. die Tagung. »Aus der ›Autobahn des Wassers‹ kann so Schritt für Schritt ein offener, nutzbarer und ökologisch wirksamer Stadtraum werden.« Auch Thomas S. Bopp, Vorstand der IBA’27 Friends, geht es um neue Zugänge zum Wasser, ökologische Qualitäten und darum, wie Produktion, Freizeit und Stadtentwicklung zusammenfinden, denn »der Fluss hat kein Ablaufdatum«. Alexander Lahl, Regionaldirektor des Verband Region Stuttgart, hebt in seiner Begrüßung schließlich auch die in der Region geplante BUGA 2043 hervor: mit der Bundesgartenschau könnte ein weiterer wichtiger Zukunftsanker entstehen.
Arbeiten am Wasser – zwischen Sonnenuntergangsromantik und Störfallbetrieb
Im Zentrum der ersten Keynote von Prof. Dr. Stefan Gärtner (Institut für Arbeit und Technik, Gelsenkirchen) steht das Spannungsfeld zwischen Freizeitnutzung am Wasser und industrieller Produktion. Flüsse und Häfen seien heute zugleich Sehnsuchtsorte, Verkehrsachsen und Produktionsräume. Beispiele aus Paris, Siegen, Dortmund, Amsterdam oder Düsseldorf zeigen, wie stark Städte ihre Wasserlagen neu entdecken – oft verbunden mit Konflikten um Nutzung, Flächen und Emissionen. Konzepte wie die »Swim City« oder die »15-Minuten-Stadt« blendeten produktive Arbeit jedoch häufig aus. Gärtner plädiert deshalb für eine »Produktive Stadt«, die Industrie, Handwerk und Kreislaufwirtschaft bewusst integriert.
Häfen und Wasserwege blieben für klimafreundliche Logistik, Energiewende und regionale Stoffkreisläufe unverzichtbar. Gleichzeitig steige der Druck durch Freizeitansprüche, Wohnnutzung und ökologische Interessen. Daraus entstünden Zielkonflikte, die sich nicht immer auflösen ließen. Entscheidend seien transparente, faire Beteiligungsprozesse, die nicht nur Anwohner:innen, sondern auch Beschäftigte einbeziehen. Gärtner fordert einen realistischen Blick auf Konsum, Produktion und globale Lieferketten – und mehr Bereitschaft, urbane Produktion sichtbar und akzeptiert in die Stadt zurückzuholen.
Brüssel: Fluss und Kanal als Werkzeuge des Stadtumbaus
Am Beispiel Brüssel zeigt Kristiaan Borret, Bouwmeester Maître Architecte in Brüssel (2014-2025), wie Wasserläufe zu Leitfiguren einer neuen Stadtentwicklung werden können. Zunächst erklärt er jedoch die Funktion des Bouwmeester Maître Architecte (BMA) in Belgien: Dieser arbeitet als unabhängig eingesetzte Instanz der Region – nicht als Genehmigungsbehörde, nicht als Politiker, sondern als »creative bureaucracy«, die mit Wettbewerben, Design Reviews, Research by Design und dem BMA-Label die Qualität urbaner Projekte stärkt. Seit 2015 wurden mehr als 400 Wettbewerbe angestoßen, im Schnitt einer pro Woche.
Vom Rand zum Rückgrat
Im zweiten Teil seines Vortrags geht er auf den Brüsseler Kanal ein, lange industrieller Hinterhof und soziale Grenze. 2012 rückt der Plan Canal ins Zentrum der Stadtentwicklung: Er soll neue Urbanität schaffen, beide Stadthälften verbinden, auf Bevölkerungswachstum reagieren und eine produktive Stadtökonomie mit neuen Arbeitsplätzen ermöglichen. Projekte wie die Passerelle Suzan Daniel, der Parc évolutif Porte de Ninove, Kanal – Centre Pompidou, Tour & Taxis oder City Dox zeigen, wie aus Infrastruktur öffentlicher Raum, Wohnen, Kultur und Produktion entstehen können.
Produktive Stadt, Klima und Kreislauf
Die Zukunft der Stadt liegt für Borret nicht in der Verdrängung von Arbeit, sondern in ihrer klugen Mischung mit Wohnen, Bildung, Kultur und öffentlichem Raum. Die »Productive City« verbindet lokale Ökonomie, Handwerk, urbane Produktion und Kreislaufwirtschaft. Zugleich markiert die Wiederentdeckung der Senne einen Paradigmenwechsel: Wasser, Grün und Klimaresilienz werden zu Motoren des Stadtumbaus. Brüssel wird so zum Labor einer Stadt, die Bestand weiterdenkt, soziale Grenzen überwindet und den Fluss als Möglichkeitsraum neu lesbar macht.
Die IGA Ruhrgebiet als regionales Zukunftsprojekt
2027 wird gleichzeitig zur IBA’27 eine Internationale Gartenausstellung im Ruhrgebiet stattfinden. IBA und IGA sind daher eine Partnerschaft eingegangen. Ähnlich wie eine IBA versteht sich auch die IGA im Ruhrgebiet nicht als klassische Ausstellung an einem Ort, sondern als regionales Zukunftsprojekt mit mehr als 100 Standorten in 50 Kommunen. Horst Fischer, Geschäftsführer der IGA Metropole Ruhr 2027 gGmbH, beschreibt die IGA bei der Neckartagung als »Motor für eine gemeinsame Stadt- und Regionalentwicklung«. Entscheidend seien dabei nicht nur die Fördermittel von rund 150 Millionen Euro, sondern auch das gemeinsame Zieljahr: »Das Datum beschleunigt Prozesse, weil alle gleichzeitig auf etwas Konkretes hinarbeiten.«
»Wie wollen wir morgen leben?«
Unter der Leitfrage »Wie wollen wir morgen leben?« verbindet die IGA unterschiedliche Ebenen und Akteur:innen der Region. Das Format reicht von »Mein Garten« mit bürgerschaftlichem Engagement, Urban Gardening oder Initiativprojekten auf lokaler Ebene über »Unsere Gärten« mit interkommunalen Freiraum-, Städtebau- und Tourismusprojekten bis hin zu den »Zukunftsgärten« als internationale Ausstellungsorte für Themen wie Klimaresilienz, Ernährung, Mobilität oder neues Produzieren. Anhand zahlreicher Projekte entlang von Ruhr und Emscher zeigt Fischer, wie sich mit der IGA ehemalige Industrie- und Infrastrukturräume Schritt für Schritt in öffentliche Freiräume, Klimaräume und neue urbane Landschaften verwandeln – anknüpfend an ähnlich ausgerichtete weitere »Dekadenprojekte« im Ruhrgebiet wie die Internationale Bauausstellung Emscher Park in den 1990er-Jahren.
Auch als Empfehlung für eine mögliche BUGA 2034 entlang des Neckars betont Fischer, wie stark solche Großvorhaben von langfristiger Zusammenarbeit und Kommunikation abhängen. Viele Entscheidungen entstünden in informellen Abstimmungen zwischen Kommunen, Politik und Planung. Umso wichtiger seien Vertrauen, Kontinuität und eine klare gemeinsame Erzählung. »Gute Kommunikation zu den unterschiedlichen Zielgruppen ist ein Kern des Erfolgs«, sagt Fischer. Inhalte und Schwerpunkte müssten sich dabei immer wieder an gesellschaftliche Debatten und neue Herausforderungen anpassen.
»Maschine & Habitat« sind kein Widerspruch
Prof. Ute Meyer und Dr. Christine Baumgärtner plädieren in ihrer Präsentation »Common Grounds – eine produktive Flussperspektive« für einen neuen Blick auf Flussräume – jenseits überholter Bilder von Brachen, Barrieren und Restflächen. Durch territoriale Analyse, Vor-Ort-Beobachtung und Stimmen aus dem Alltag entsteht neues Raumwissen. Produktive Flächen, Gewerbegebiete, Steillagen und Ufer werden als gemeinsame Ressource lesbar. »Maschine & Habitat« sollen kein Widerspruch bleiben: Alte Gebäude, adaptive Re-Use-Strategien und gepflegte Landschaften eröffnen Spielräume für die Transformation am Fluss.
Wasser als Treiber adaptiver Planung
Im EU-Interreg-Projekt NONA beschäftigen sich Partner:innen entlang der Donau mit der Frage, wie Landschaften und Siedlungsräume besser auf Starkregen, Hitze und Wasserknappheit reagieren können. Die Region Stuttgart beteiligt sich als indirekte Anliegerin ebenfalls an dem Netzwerk. Dr. Christine Baumgärtner vom Verband Region Stuttgart und Prof. Ute Margarete Meyer von der Hochschule Biberach stellen bei der Neckartagung das regionale Pilotprojekt »Wasserbasierte Perspektive für klimafreundlichen Städtebau« vor. Ausgangspunkt sind fragmentierte Fluss- und Landschaftssysteme entlang des Neckars, die durch Infrastruktur, veränderte Wasserhaushalte und konkurrierende Nutzungen unter Druck geraten. Statt einzelne Orte isoliert zu betrachten, verfolgt das Projekt einen einzugsgebietsbezogenen Ansatz über Gemeindegrenzen hinweg. Ziel ist es, Wasserrückhalt, Versickerung und adaptive Nutzung zu stärken, um klimaresiliente Landschaften und besseren Hochwasserschutz zu entwickeln.
An drei Piloträumen – eher ländlich in Neckargröningen/Hochberg, industriell geprägt in Altbach/Deizisau und urban im Hallschlag in Bad Cannstatt – fanden dazu interdisziplinäre »Denkwerkstätten« statt. Am Beispiel Altbach zeigen die Referentinnen, wie sich Hochwasserschutz, Klimaresilienz, Biodiversität und Aufenthaltsqualität gemeinsam denken lassen – vom Wald über Hanglagen bis zum Neckarraum. Vorgeschlagen werden unter anderem Retentionsflächen, Schwammwald-Strukturen und innerörtliche Grünräume, die Wasser aufnehmen, speichern und verdunsten können. Entscheidend sei dabei der Blick auf das gesamte Einzugsgebiet statt auf einzelne Zuständigkeiten oder Gemeindegrenzen. »Die Qualität entsteht nicht durch den einen genialen Entwurf«, heißt es im Vortrag, »sondern durch intelligentere Eingriffe im Sinne des Weiterbauens im Dialog.«
Nachwuchswettbewerbs »Reclaim the River«
Zum Abschluss der Tagung wurden außerdem die Preise des Nachwuchswettbewerbs »Reclaim the River« verliehen. Der Wettbewerb suchte neue Ideen für die Zukunft der regionalen Gewässerlandschaften – von städtebaulichen Strategien bis zu landschaftsplanerischen Interventionen. Die prämierten Arbeiten zeigen, wie junge Planer:innen den Neckar und andere Flussräume stärker als öffentliche Räume, Klimaressourcen und produktive Landschaften denken. Mehr zum Wettbewerb und zu den ausgezeichneten Projekten gibt es hier.








