27.02.20
Quartier Mühlkanal in Salach

Die Kraft der besten Argumente

Mit einem aufregenden städtebaulichen Entwurf für das »Quartier Mühlkanal« macht sich die kleine Gemeinde Salach im Filstal auf den Weg in die Zukunft. Wie ist es dazu gekommen?

Als sich Ende 2018 die Diskussion um die bauliche Entwicklung des Schachenmayr-Areals in Salach intensivierte, war zunächst nur eines klar: Ein einfaches business as usual konnte es bei den Planungen für diesen Ort nicht geben. Zu wichtig für die Identität der 8000-Einwohner-Gemeinde schien den Verantwortlichen der Umgang mit den historischen Bestandsgebäuden der ehemaligen Wollfabrik, zu fragmentiert und lieblos die vorgelegten Pläne der Grundstücksbesitzer für die Neubebauung.

Die Stadt gehört den Menschen, die in ihr wohnen

Ein erster Schritt freilich war damals bereits getan: In einem Beteiligungsverfahren zur Neuentwicklung des benachbarten Krautländer-Areals hatten sich die Bürgerinnen und Bürger deutlich und klar für mehr Gemeinschaft, Nähe und Solidarität im Zentrum ihrer Stadt ausgesprochen. Das Leitbild einer »Caring Community« war so entstanden. Eine Gemeinschaft, in der die Menschen dicht zusammen leben und Verantwortung füreinander übernehmen, ein Wohnen, bei dem das Öffentliche eine ebenso große Rolle spielt, wie das Eigene. Kurz, ein lebendiges Stück Stadt. Und nun sollte das ungleich größere Schachenmayr-Areal hinter den Ideen und Wünschen des neu erwachten Gemeinsinns zurückbleiben? Auf einem Gelände, das noch dazu den Menschen ein Stück Fluss zurückgeben konnte?

Mit diesem Auftrag der Bürgerschaft traten die Verantwortlichen der Gemeinde an die Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBAʼ27) heran. Doch wie konnte Salach das Heft im städtebaulichen Prozess wieder in die Hand nehmen? Wie die Themen setzen für eines der wichtigsten Baugebiete der Filstalgemeinde? Schnell wurde klar: die Schnittmengen mit den Anliegen der Internationalen Bauausstellung sind groß. So groß, dass sich das Stadt- und Regionalentwicklungsformat den Salachern gerne als Vermittler, Impulsgeber und Partner anbot.

Alle Beteiligten an einen Tisch

Im November 2018 verabredeten sich die Interessensgruppen zu einem ersten Workshop. Die Spitzen der Salacher Gemeindeverwaltung nahmen daran ebenso teil wie Teile des Gemeinderats, die Grundstückseigentümerinnen und potenziellen Investoren, externe Berater sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IBAʼ27. Die Tagesordnung: Wie kann die Geschichte der Stadt von diesem Ort aus in die Zukunft geschrieben werden? Wie gelingt es, das Schachenmayr-Areal zu einem auch für junge Menschen attraktiven, lebendigen und für unterschiedliche Nutzungen geeigneten Quartier zu entwickeln? Lassen sich die vielfältigen Interessen der Akteure am Tisch zu einem gemeinsamen Leitbild verdichten? Welche Chancen gibt es, welche Zielkonflikte? Der Workshop machte deutlich, dass das Interesse an einem gemeinwohlorientierten, identitätsstiftenden Städtebau ungleich verteilt ist. Aber eben auch, dass keine Seite sich der besseren Lösung grundsätzlich verweigern würde. Die Vertreter der IBAʼ27 schlugen eine Planungswerkstatt vor. In einem eng von allen Verantwortlichen begleiteten, offen dialogischen Verfahren sollten drei ausgewählte Büros städtebauliche Entwürfe erarbeiten. Dieses Format bot die Möglichkeit, sich in einem gemeinsamen Diskussionsprozess städtebaulichen Zielen anzunähern. Wichtig war zum einen die Einbeziehung von Expertinnen für Lärmschutz, Denkmalpflege, Landschaftsarchitektur und Städtebau. Durch ihre Anregungen und Überprüfungen wurden  schon während des Planungsprozesses die Entwürfe justiert. Zum anderen sollte ein intensiver Dialog mit den Bürgern geführt werden. Diese sollten vor, zwischen und nach der Planungswerkstatt den Planungsteams weitere Hinweise mit auf den Weg geben können.

Zwischenbericht und öffentliche Aussprache

»Die Planungswerkstatt sollte vom ersten Moment an kooperativ sein«, sagt Nina Riewe, Projektleiterin bei der IBAʼ27. »Wir wollten größtmögliche Transparenz, auch zwischen Verwaltung und Bürgern, eine demokratische Auseinandersetzung für ein zentrales Stück Stadt.« Nach sechs Wochen Arbeit reisten die Büros aus Tübingen, Köln und Zürich Ende September 2019 zur öffentlichen Zwischenpräsentation nach Salach. Und siehe da: Zwischen Planungsprofis, Beurteilungsgremium, Beratern, Verwaltungsspitze und Bürgern entspann sich ein wertvoller, von gegenseitigem Respekt getragener Dialog. Einen ganzen Tag lang wurden die vorgelegten Skizzen diskutiert und erörtert, kamen die lokalen Verhältnisse zu Wort, begegneten die Profis den Fragen und Befürchtungen der gar nicht laienhaft vortragenden Zivilgesellschaft mit Argumenten. Diese Hinweise und Vorschläge im Hinterkopf hatten die Planungsbüros weitere sechs Wochen Zeit, um ihre Entwürfe zu konkretisieren.

Die besten Argumente überzeugen

Diese präsentierten die Büros im großen Saal der kommunalen Stauferlandhalle. Professionell moderiert diskutierten Beurteilungsgremium, Experten und Gemeindevertreterinnen die Konzepte entlang von Leitfragen. Landschaftsräumliche Qualitäten, Verkehrserschließung, Lärm-, Hochwasser- und Denkmalschutz wurden erörtert. Aber auch Baukörper und die dadurch entstehenden Frei- und Sozialräume kamen zur Sprache. Da war es wieder, das Leitbild der »Caring Community«. »Im Verlauf der Diskussion zeichnete sich der Entwurf von ›helsinkizurich‹ und Cadrage Landschaftsarchitekten immer deutlicher als die beste Arbeit ab«, sagt IBAʼ27-Intendant Andreas Hofer. »Indem er Bestand, Neubau und Grünräume selbstverständlich zueinander anordnet, erzählt er aus der Geschichte heraus eine neue Geschichte und zelebriert auf intelligente Art Einfachheit.« Die Entscheidung für das Konzept der Büros aus Zürich fiel in Übereinstimmung der im Saal Anwesenden. Und auch der Gemeinderat stimmte mit großer Mehrheit für den Entwurf der Partnerbüros.

Beteiligung weiterhin Kernanliegen

Der Prozess zur städtebaulichen Entwicklung des Schachenmayr-Areals geht weiter. Nun freilich entlang des von »helsinkizurich« entworfenen Bildes. Investorinnen und Eigentümer wollen überzeugt, offene Fragen erörtert und geklärt werden: Verlagert das autofreie neue Quartier den Verkehr in die umliegenden Viertel? Oder gelingt ein Mobilitätskonzept, das die Menschen aufs eigene Auto verzichten lässt? Wie sieht es aus? Und wenn alle Entwürfe den Fluss als öffentlichen Raum wiederentdecken, ist dann der ursprünglich auf dem Krautländer-Areal geplante Bürgerpark an der Fils nicht besser aufgehoben? Dieser Meinung sind jedenfalls viele Bürger. Wie könnte dann ein Ausgleich zwischen den Flächenbesitzern aussehen? Die transparente Beteiligung der Salacher bei der Gestaltung ihres Quartiers bleibt ein Kernanliegen der Verwaltung. Anfang Februar 2020 wurde die Ausstellung aller Entwürfe eröffnet, der Siegerentwurf ausführlich vorgestellt. Im kommenden Mai lädt die Gemeinde alle Interessierten zur dritten Bürgerwerkstatt ein.

Mehr Informationen zur Planungswerkstatt in Salach

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