06.04.22
Beitrag aus dem IBA’27-Kuratorium

Folke Köbberling: Die Produktive Stadt erzählt an Beispielen künstlerischer Praxis

Umkämpfter Raum

Der individuelle Autoverkehr dominiert immer noch den öffentlichen Raum in unseren Innenstädten. In Zeiten der Pandemie wurde besonders deutlich, dass der öffentliche Raum mit seinen Freiflächen eine essenzielle Rolle spielt. War er doch der Ort, den man zu jeder Zeit betreten durfte, wo es möglich war, sich zu treffen, spazieren zu gehen, zu verweilen. Dennoch wird nach wie vor deutlich, dass die weitaus größte Fläche des öffentlichen Raums nicht von Menschen genutzt wird, sondern von privatem Individualverkehr okkupiert ist, der immer größere Dimensionen annimmt.

Anteil der PKW-Parkflächen an den Verkehrsflächen sowie Standflächen für PKW und öffentliche Straßenverkehrsmittel in Quadratkilometer (Quelle: 8. Mobilitätsmonitor 05/2019: Fahrzeugzahlen nach Angaben der Anbieter und Städte, Standardparkflächen nach Dunker 2005, S. 567 f.; Recherche: Christian Scherf, Grafik: Robin Coenen)

»Für Berlin beträgt die rechnerisch durch alle Pkw beanspruchte Fläche rund 17 Quadratkilometer. Das entspricht zum Vergleich der 214-fachen Größe des Berliner Alexanderplatzes…« (Quelle)

Wenn man also diese Fläche anders nutzen würde, Parkplätze entsiegelt zum Beispiel für urbane Landwirtschaft, dann würden unsere Städte nicht nur ein anderes Klima haben, sondern es würde sich das Stadtbild radikal verändern.

Städte wie Utrecht, Brüssel oder die seit 19 Jahren autofreie spanische Stadt Pontevedra zeigen dem motorisierten Individualverkehr die rote Karte. Es scheint, dass Deutschland immer noch nicht so weit ist, die Autolobby ist immer noch zu stark, auch in einem Land wie Baden-Württemberg, das sogar seit Jahren einen grünen Ministerpräsidenten an der Spitze hat.

Dass die schrumpfende Landfläche, die für die Produktion von Nahrungsmitteln gebraucht wird, mit der gleichzeitigen Versiegelung von Flächen korreliert und zu einer Auslagerung des Land-Fußabdrucks in außereuropäische Länder führt, wird kaum diskutiert.

Die Hälfte der Menschen lebt in Städten. Prognose zunehmend. 2020 haben wir in Deutschland den dritten Dürresommer erlebt. Ein Umdenken ist notwendig, in der Stadt eine Alternative zur traditionellen Landwirtschaft anzubieten, um vor Ort Lebensmittel anzubauen, die dann ohne Verpackung und ohne lange Transportketten direkt verarbeitet und verzehrt werden können. Dies reduzierte unseren Land-Fußabdruck.

Baumloser Tiergarten, Juli 1946. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-M1015-314 / Donath, Otto / CC-BY-SA 3.0)

Kartoffel- und Gemüseanbau in der städtischen Mitte

Nach dem zweiten Weltkrieg nutzten die Berlinerinnen und Berliner den abgeholzten Tiergarten als Gartenfläche um Kartoffeln und Gemüse anzubauen.

»Die britischen Besatzungstruppen hatten diese Nutzung vorübergehend genehmigt: Auf etwa 2.550 Parzellen wuchsen Nahrungsmittel, Pferde und Ochsen zogen Pflüge durch den einstigen Parkboden. Einige Flächen ließ der Senat als Felder für Grünfutter bewirtschaften«, schrieb Martita Adam-Thkalec am 5.9.2017 in der Berliner Zeitung.

Nach 75 Jahren Kriegsende ist von seiner Zwischennutzung für urbane Landwirtschaft keine Spur mehr sichtbar. Nur auf einer Fläche am nördlichen Rande des Tiergartens lagert die Berliner Stadtreinigung im Herbst Laub, bevor es in den Berliner Stadtrand transportiert wird, weil Kompostieren innerhalb der Stadt nicht erlaubt ist.

Die urbane Landwirtschaft war damals existenziell: Selbstversorgung, Subsistenzwirtschaft, Unabhängigkeit. Dieses Bild entstand aus Mangelwirtschaft.  

Im Falle von Detroit ging es auch nicht anders. Es gibt in Detroit kein frisches Gemüse, außer man pflanzt es selber an. Die großen Supermarktketten haben sich aus der Downtown verabschiedet, nur Tankstellen und Kioske sind geblieben. So ist aus der Not einer geschrumpften Stadt mit ehemals zwei Millionen Menschen eine Kultur entstanden, die viele Nachahmer weltweit gefunden hat. Die Brachen, die durch die Schrumpfung entstanden sind, wurden für Urban-Gardening- und Urban-Farming-Projekte genutzt, als Nachbarschaftsprojekte. Es geht nicht nur darum, Lebensmittel anzubauen, sondern auch um ein Community-Projekt in der Nachbarschaft. Ohne Zäune, ohne Abgrenzung, direkt angrenzend an die Nachbarschaft.

Laut der »keep growing Detroit«-Karte haben im Jahr 2020 fast 30.000 Menschen in Detroit in 1.941 Gärten 484.250 Pfund frische Lebensmittel produziert. Das ist äquivalent mit dem Ertrag von 1,5 Millionen Dollar. Detroit ist aus der Not zu einer Selbstversorger-Stadt geworden und nutzt die Flächen, die aufgrund der Schrumpfung frei geworden sind und aus denen niemand mehr Rendite schöpft.

So kommen junge Menschen aus allen Teilen der USA und praktizieren auf ihrer frisch erworbenen Fläche Landwirtschaft mit unterschiedlichsten Methoden. So wird der Garten höchst effizient genutzt, um den Ertrag an frischen Lebensmitteln zu erhöhen. Es wird »Aquaponik« installiert und Initiatoren von Urban Farming dokumentieren detailliert den Ertrag ihrer Flächen.

Temporärer Ackerflächen in NY und Los Angeles

In Städten wie New York oder Los Angeles, wo Raum und Boden stark umkämpft sind, ist die Etablierung von Urban Farming viel schwieriger. Aber hier zeigen künstlerische Projekte, dass es möglich ist.

Die Künstlerin Agnes Denes schuf schon 1982 ein Sinnbild der urbanen Landwirtschaft in der Metropole New Yorks mit ihrer Arbeit »Wheatfield – A Confrontation«

In Lower Manhattan, zwei Blocks von der Wall Street und dem World Trade Center entfernt, direkt gegenüber der Freiheitsstatue gedieh ihr urbaner Garten auf einer Mülldeponie. Laut der Website der Künstlerin wurde das Land, das sie nutzte, auf 4,5 Milliarden Dollar geschätzt. Inzwischen ist diese Fläche bebaut und heißt Battery Park Landfill. Heute kann man es sich kaum vorstellen, dass es möglich war, ein 8000 qm großes Weizenfeld inmitten der teuersten Immobilien der Welt anzulegen, welches über 1.000 Pfund gesunden, goldenen Weizen produzierte.

Projekt »Not a cornfield« (Bild: gemeinfrei; Wikimedia Commons / Marie Velde)

2005 schaffte Farmlab mit der Künstlerin Laura Bon in Los Angeles mit der Arbeit »Not a cornfield« ein ähnliches Bild der produktiven urbanen Landwirtschaft mit Hochhäusern im Hintergrund und einem davorliegenden 32 Hektar großen Grundstück, das mit Mais bepflanzt wurde. »Not a cornfield« versteht sich als soziale Plastik, die in Zusammenarbeit mit Mitarbeiterinnen und Freiwilligen für einen kompletten landwirtschaftlichen Zyklus in den Jahren 2005–2006 betreut wurde. Das Projekt basierte auf dem Wunsch, ein einst fruchtbares und nun ausgelaugtes und brachliegendes städtisches Gebiet als Symbol der Erneuerung und Hoffnung wieder nutzbar zu machen. Es sollte auch den Prozess der Umwandlung des Geländes, das sich im Besitz des Staates Kalifornien befindet, in einen State Historic Park vorantreiben.

Ein anderes künstlerisches Projekt, aber in einer anderen Skalierung, ist »edible estates – Attack on the front lawn« von Fritz Haeg. Los Angeles besteht aus Millionen von Einfamilienhäusern, die meisten besitzen einen Vorgarten, der aber meist nur aus repräsentativen Gründen gepflegt wird und zur Abstandhaltung zum Nachbarn dient. Der Künstler und Architekt Fritz Haeg schafft es mit seiner Arbeit, diese heimischen Vorgärten in hochproduktive, essbare Landschaften zu verwandeln.

Die Berliner Künstlerin Ella Ziegler nutzte bestehende Nutzobstbäume und Beerensträucher der Stadt Linz für ihre Arbeit »Ernte Linz« aus dem Jahr 2005. Auf einer Karte kartographiert sie die genauen Standorte dieser Pflanzen und schafft eine Übersichtskarte der verwaisten Bäume, die oft mit ihrem abgefallenen Obst als Belästigung gesehen werden. »Die Obstbäume, ein Verweis auf eine ehemals landwirtschaftliche Struktur des städtischen Raums, sind »verwaltete« Natur und gleichzeitig kollektives Gut«, schreibt Ziegler. »Dem nicht mehr geschätzten Nutzen der Bäume stelle ich mit der Umrechnung der Erträge in Kuchen, Saft, Schnaps und letztendlich in Geld ihren Wert gegenüber. Der gesamte Wert beträgt 103.389 Euro«. Nach dem Projekt wurden die Nutzobstbäume an Paten gegeben, die sicherstellen, dass das Obst der Nutzbäume auch verwertet wird.

In Fellbach gibt es das IBA’27-Projekt »AGRICULTURE meets MANUFACTURING«. Auch dort gibt es Streuobstwiesen und auch seit letztem Jahr sogar eine Streuobstwiesebörse. Wie bei dem künstlerischen Projekt von Ella Ziegler möchte die Stadt Fellbach Besitzer:innen von Streuobstwiesen, die ihre »Stückle« nicht mehr pflegen können oder wollen, mit Leuten zusammenbringen, die Interesse haben, ein Stückle zu pflegen, die aber selbst keines besitzen. Mittels einer Streuobstwiesen-Börse sollen »Angebot und Nachfrage miteinander in Kontakt gebracht werden« (Quelle: Stadt Fellbach). Eine sehr gute Idee angesichts der unendlich vielen Birnen, Pflaumen und Apfelbäumen in unserem Land, wo das Obst am Straßenrand verfault und zur gleichen Zeit importiertes Obst in den Supermärkten angeboten wird.

Zurück zum Anfang. Wie komme ich zur Nutzung beziehungsweise Transformation von versiegeltem Raum zu produktivem Raum? In Deutschland wird jede Viertelstunde Natur und Landschaft in der Größe eines Fußballfeldes durch den Bau von Wohnhäusern, Straßen und Gewerbegebieten zerstört. Um Europas Bedarf an Lebensmitteln und Konsumgütern zu befrieden, werden jährlich allein etwa 120 Millionen Hektar an landwirtschaftlich genutzter Fläche außerhalb von Europa benötigt. Diese indirekte Landnutzung, die auch als »virtuelles« Land oder als »Land-Fußabdruck« bezeichnet wird, ist den wenigsten bewusst. Das Dramatische dabei ist die Tatsache, dass die negativen Umweltauswirkungen in die Erzeugerländer ausgelagert werden: Böden werden überdüngt und ausgelaugt, giftige Pestizide belasten die Umwelt, unberührte Waldflächen werden in Agrarland umgewandelt.

Aus diesem Grund ist es wichtig, versiegelte Flächen wieder zu entsiegeln.

Entsiegelung, Eröffnung ZNE! Bonn 2014 mit Folke Köbberling,
Bild: @Reinhard Kiehl
Entsiegelung, Eröffnung ZNE! Bonn 2014 mit Folke Köbberling, Bild: @Reinhard Kiehl

Mein künstlerisches Projekt »Testphase 2« im Rahmen der Ausstellung »Zur Nachahmung empfohlen« auf einem Parkplatz in Bonn widmet sich der Entsiegelung asphaltierter Böden.
»Etwa 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen sind in Deutschland aktuell versiegelt, das heißt bebaut, betoniert, asphaltiert, gepflastert oder anderweitig befestigt. Damit gehen wichtige Bodenfunktionen, vor allem die Wasserdurchlässigkeit und die Bodenfruchtbarkeit, verloren. Mit der Ausweitung der Siedlungs- und Verkehrsflächen nimmt auch die Bodenversiegelung zu«, heißt es beim Bundesumweltamt (Quelle).

Ich lud das Publikum dazu ein, vier Quadratmeter Asphalt in kleinste Teile zu zerlegen, um den Kraftakt, den unter normalen Umständen ein Presslufthammer erbringt, nachvollziehen zu können. Der Kraftakt der Entsiegelung, die Widerständigkeit des Materials. Mit Hammer und Meißel ausgestattet, bekamen die Besucher:innen die Möglichkeit, erste Testversuche in der Rückgewinnung von versiegelten Flächen in Form einer skulpturalen Erfahrung nachzuvollziehen. Es wurde ein minimaler Möglichkeitsraum geschaffen.

Würden wir die Städte autofrei bekommen, den Parkraum entsiegeln und in der Stadt kompostieren dürfen, dann würde sich auch unserer Land-Fußabdruck reduzieren.


»Tribute to Oud: Unterschätzte Ressourcen«

IBA’27-Kuratorin Folke Köbberling bereitet derzeit im KVN Projektraum in Neuhausen eine künstlerische Intervention vor: »Tribute to Oud« ist eine architekturbezogene Skulptur, die zeigt, wie man Architektur ohne Beton, mit rezykliertem Holz, Schafwolle und lehmhaltiger Erde nachhaltig und rückbaubar gestalten kann. Mit diesen Baustoffen erstellt die Künstlerin ein Eins-zu-Eins-Modell, das den Grundriss eines der Reihenhäuser des Architekten J.J.P Oud in der Weissenhofsiedlung nachzeichnet.

Ausstellungseröffnung mit »Richtfest«: 30.04.22 von 16 – 23 Uhr
Ausstellung mit Werken von Folke Köbberling: 01.05. – 17.07.22

Weitere Informationen

Folke Köbberling: Wolf im Schafspelz, Club Hybrid, Graz 2021. Bild: Wolfgang Thaler

Über die Autorin

Folke Köbberling (Bild: Franziska Kraufmann)
Bild: Franziska Kraufmann

Folke Köbberling, Jahrgang 1969, lebt in Berlin und lehrt seit 2016 als Professorin für Künstlerisches Gestalten am Institut für Architekturbezogene Kunst (IAK) an der TU Braunschweig. Sie hat an zahlreichen nationalen und internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen teilgenommen, davon viele Jahre in Zusammenarbeit mit dem Künstler und Architekten Martin Kaltwasser. Darunter finden sich Ausstellungen im Martin Gropius Bau in Berlin, ZKM Karlsruhe, Lentos Museum, Ruhrtriennale 2012, Kunstverein Kassel, Museo El Eco in Mexiko City. Folke Köbberling ist Mitglied im Kuratorium der IBA’27. Mehr Informationen

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