07.08.2019

Glücklich machende Hochhäuser und Grünflächen für die Gemeinschaft

IBA’27-School entwickelt experimentelle Quartiersideen. Wie minimales Wohnen in urbanem Kontext gelingen kann und welche Faktoren dafür entscheidend sind, damit setzten sich Studierende aus Australien, Hongkong, Südkorea und Deutschland während der diesjährigen IBA’27-School auseinander. Das jährliche Format der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) wird in Kooperation mit Partnerhochschulen und der Architektenkammer Baden-Württemberg veranstaltet.

»Minimal Dwelling as Urban Practice« lautete das Thema der einwöchigen School, die vom 26. Juli bis 2. August 2019 in Stuttgart stattfand und sich mit verdichtetem Wohnen, gemeinschaftlicher Partizipation und visionären Ideen zu einer nachhaltigen Quartiersentwicklung befasste. Grundlage dafür bot ein reales Projekt: die Entwicklung des Planungsgebiets »Böckinger Straße« in Stuttgart-Rot durch die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG) mit einem bestehenden 15-geschossigen Männerwohnheim samt Nachbarschaftsgarten, das von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) betrieben wird.

Fünf angebotene Workshops, entwickelt von Hochschulen aus der Region Stuttgart und Kaiserlautern, bildeten mit ihren Aufgabenstellungen unterschiedliche, örtlich relevante Aspekte ab. Täglich stattfindende Vorträge und Führungen gaben zusätzlich inspirierenden Input. Am Dienstagabend gab es ferner zwei öffentliche »Lectures« in der Architektenkammer Baden-Württemberg: Dr. Chris Tucker (The University of Newcastle, AUS) referierte über »Learning from the First Australians« und Prof. Hendrik Tieben (The Chinese University of Hong Kong, HKG) über »Minimal Living – Lessons from Hong Kong«.

So entwickelten die international gemischten und interdisziplinären Studierendengruppen experimentelle Ideen und konkrete Lösungsansätze zu ganz unterschiedlichen Quartiersanforderungen.

How to commons

(Hochschule für Technik Stuttgart, HFT)

Betreut von der HFT, beschäftigten sich die Studierenden im Beitrag »How to commons« mit der veränderten Nutzung öffentlicher Räume. Die Reduktion des privaten Wohnraums bedingt neue Funktionen im Außenraum, die es zu definieren gilt. Die Studierenden entwickelten vor Ort in der Böckinger Straße vier mobile Elemente – ein Info-, ein Garten-, ein Spiele- und ein Sportkiosk –, die als Bindeglied innerhalb der Nachbarschaft fungieren und die gemeinschaftliche Nutzung von öffentlichen und halböffentlichen Räumen ermöglichen. Mit dem »Intervention Day« fand vor Ort dann der Praxistest unter Einbeziehung der Nachbarschaft statt. Er zeigte: ein gutes Miteinander kann durch vergleichsweise einfache Maßnahmen entstehen.

Maximum of open green space

(Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, HfWU)

Die Qualität von Frei- und Grünflächen im Zusammenhang mit verdichtetem Wohnen und der Beitrag von städtischem Grün zur Klimaanpassung und einer lebenswerter Stadt untersuchte die Gruppe, die von der HfWU betreut wurde. Die Fragestellung »How much free space do people need?« in Bezug auf Faktoren wie Gesundheit, klimatische Anforderungen und soziale Begegnungen wurde untersucht und im Booklet »Green your future« zu einer ideenreichen typologischen Sammlung zusammengefasst – mit Vorschlägen vom Barfußpfad bis zum Baumhaus, von Pocket Parks bis zur Fassadenbegrünung.

Urban Design of the area

(Technische Universität Kaiserslautern)

Um das Planungsgebiet Böckinger Straße mit seinen spezifischen Merkmalen ging es bei den Studierenden, die von der TU Kaiserlautern angeleitet wurden und sich mit dem »Urban Design«, also der Gestaltung von Stadt, auseinandersetzten. Die 4,7 Hektar große Fläche, am Rand von Stuttgart-Rot gelegen, hat einige topografische, soziale und verkehrstechnische Besonderheiten, die es zu untersuchen galt. Die Gruppe präsentierte städtebauliche Ideen mit neuen Achsen und Grünzügen, die auch die Einbindung der vorhandenen Schule und die neue Position des erweiterten Nachbarschaftsgartens des Männerwohnheims besonders thematisierten.

Männerwohnturm

(Universität Stuttgart)

Zentraler Ausgangspunkt des neuen Quartiers in der Böckinger Straße ist das Männerwohnheim Immanuel-Grözinger-Haus, das sich am westlichen Rand des Planungsgebiets befindet und das im Zuge der Quartiersentwicklung saniert und aufgewertet werden soll. Damit befassten sich Studierende, die von der Uni Stuttgart unterstützt wurden. Nach einer Analyse des Ortes und der Bedürfnisse der Bewohner entwickelten sie nicht nur flexible, moderne Grundrisse im Hochhaus, sondern ebenso einen qualitativ hochwertigen Grünzug mit unterschiedlichen partizipativen Maßnahmen für alle Quartiersbewohner.

Highrise of happiness – Case study Living 4.0

(Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, ABK)

Ein »Highrise of Happiness« soll das Männerwohnheim werden, wenn es nach dem von der ABK betreuten Team geht: Mehr Lebensqualität für die Bewohner durch eine neue Zonierung der einzelnen Stockwerke mit flexibler Anpassung an die individuellen Bedürfnisse. Inspiriert von Rhizomen, also Wurzelsprossen wie beispielsweise Ingwer, entwickelten die Studierenden dazu eine Art künstliche Intelligenz, die die Raumfunktionen auf Grundlage der Nutzung durch die Bewohner im Tagesverlauf – Schlafen, Arbeiten, Essen, Freizeit – organisch entwickelt.

Ausstellung in der ifa-Galerie

Die diesjährige IBA’27-School bot mit frischen Ideen und experimentellen Beiträgen erneut eine gelungene Plattform für den zukunftsweisenden Diskurs über drängende städtebauliche Themen unserer Zeit. Mal träumerisch, mal pragmatisch umgesetzt, haben alle Beiträge den Anspruch, für die Zukunft einen Mehrwert zu schaffen.

Zu sehen sind alle Arbeiten bis zum 8. September in der ifa-Galerie, Charlottenplatz 17, Stuttgart.

Ferner werden die Beiträge nach Aufbereitung in digitaler Form noch auf dem englischsprachigen Blog der IBA’27-School unter school.iba27.de dokumentiert.

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