22.06.20
Kommunikationsplattform

»Gutes Morgen zusammen!«

Wie wollen, sollen und werden wir in Zukunft leben und arbeiten? Die Schülerinnen und Schüler aus Nürtingen und Geislingen treibt diese Frage sehr um. »Es können zwar Luxusgüter wie Zeit und Ruhe erlangt werden, aber die Gefahren wie der Verlust von Arbeitsplätzen und das Abfangen wichtiger Informationen durch Dritte wird nach wie vor bestehen«, schreiben Daniel und Marvin. Sina sorgt sich, dass ihre Großeltern, falls sie einmal in ein Pflegeheim müssen, von Robotern gepflegt werden. Marius wiederum hofft, dass die Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) die höchste Priorität auf das umweltschonende Bauen legt. Denn er ist fest davon überzeugt: »Wenn es in allen Branchen um Innovationen geht und der hauptsächliche Fokus auf der Umweltverträglichkeit liegt, werden wir langfristig insgesamt umweltschonend leben.«

Toms Überlegungen zur künftigen, verdichteten Wohnform haben derweil im Land der Häuslebauer geradezu revolutionären Charakter: Schluss mit frei stehenden Gebäuden – »das Einfamilienhaus in seiner heutigen Form kann für künftige Stadterweiterungen nicht als nachhaltig angesehen werden.« Und Tuana schlägt ganz andere Töne an, lyrisch-nachdenklich: »Die Zeit verrinnt / Wir kämpfen für unsere Zukunft, wir arbeiten für morgen. / Der Countdown läuft, / Eilige Schritte am Bahnhof, immer wieder auf die Uhr blickende Augenpaare, das eifrige Tippen am Computer. / Ja, unsere Zeit ist begrenzt. / Tick-tack, Tick-tack.«

Mit solchen »jungen« Schilderungen, Gedanken und Gedichten zur Zukunft begann 2018 ein Projekt der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU), das sich inzwischen zu einer Kommunikationsplattform entwickelt hat, die IBA-Interessierte in der Stadtregion Stuttgart nutzen können. Ihr Titel ist Programm: »Gutes Morgen zusammen!« Es geht darum, Menschen aller Generationen die Möglichkeit anzubieten, sich über ihre Ideen von Zukunft, ihre Visionen, Sehnsüchte, aber auch mögliche Bedenken auszutauschen – im Sinne von Partizipation, regionaler Vernetzung und Internationalisierung.

Andreas Bulling, Teamleiter des Zentrums für Nachhaltige Entwicklung (ZNE) an der HfWU, und Rainer Nübel, langjähriger Journalist und heute Professor für Medien und Kommunikation, hatten zunächst die Idee, junge Menschen zu motivieren, ihre ganz persönlichen Zukunftsstorys zu verfassen. Aus entsprechenden Workshops mit insgesamt 900 Gymnasiasten und Studierenden an den HfWU-Standorten Nürtingen und Geislingen entstanden bei »More Future – Erzähl uns deine Zukunft« mehr als 100 Geschichten, Zeichnungen und Gedichten (alle Beiträge gibt es unter www.hfwu.de/iba). Prägnante Dokumente einer intensiven Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen der Transformation. Als im Oktober 2019 vier dieser Schülerinnen und Studierenden, eingeladen vom Bundesinnenministerium, bei einer Konferenz zu den Internationalen Bauausstellungen auftraten, lauschten die zahlreichen Expertinnen für Architektur, Stadtentwicklung und Bauwesen höchst interessiert.

Der nächste Schritt war und ist der intergenerative Zukunftsdialog. Im Februar diesen Jahres stieg dazu in Geislingen die Premiere: 100 Senioren sprachen und diskutierten mit Schülern des Michelberg-Gymnasiums engagiert darüber, wie das Leben, Arbeiten und Wohnen in den nächsten Jahren aussehen soll und wie das Zusammenleben junger und alter Menschen funktionieren kann. Dabei kamen Themen wie Kommunikation und Digitalisierung ebenso zur Sprache wie Alltagssituationen und Voraussetzungen für das Glücklich sein.

Aus solchen Storytelling-Veranstaltungen ist nach und nach die Kommunikationsplattform »Gutes Morgen zusammen!« entstanden. Neue Formate wurden entwickelt, mit neuen Kooperationspartnern. Zusammen mit der Stiftung Geißstraße in Stuttgart und dem Storytelling-Experten Prof. Dr. Michael Müller von der Hochschule der Medien wurde der »ErzählRaum« geschaffen: Menschen aus der Stadtregion erzählen Erfahrungen und Erlebnisse aus Vergangenheit und Gegenwart, die ihnen gezeigt haben, dass und wie sich vieles ändert. Und sie schildern in konkreten Szenen, wie sie sich eine gute Zukunft vorstellen. Alle Teilnehmenden hören sich zu, nichts wird zerredet, bewertet, wegdiskutiert. Der Premiere im Dezember 2019 in den Räumen der Stiftung Geißstraße sollte im Juni ein ErzählRaum im Stuttgarter Leonhardsviertel folgen. Doch dann kam die Corona-Krise. Jetzt erarbeiteten die Initiatoren eine digitale Variante, ein erster Test verlief vielversprechend.

Wie kann man Stadtansichten und Orte bildhaft »erzählen« und das Gesehene mit dem Stift aufs Papier transformieren? Ein erster »Sketching«-Workshop im Februar in Geislingen stieß auf beachtliches Interesse. Gecoacht vom Tübinger Zeichner und Pädagogen Martin Alber, skizzierten die Teilnehmerinnen mit schnellen Strichen vertraute Fassaden, Räume und Alltagsszenen – und entdeckten sie dabei teilweise völlig neu.

Ein partizipatives Europa-Theaterprojekt (»SpielRäume«), Zukunfts-Slams mit jungen Menschen, originelle Transformation-Talks in der Region (»Zukunft: gehen«) – weitere Formate sind in Arbeit. Und neue Ideen sehr willkommen. Wer also im IBA-Kontext Veranstaltungspläne hat, egal ob analog, digital oder hybrid, und sie kooperativ umsetzen möchte, ist herzlich eingeladen, schließlich geht es ja um eine lebenswerte Zukunft: »Gutes Morgen zusammen!«

Kontakt: Andreas Bulling (Andreas.Bulling@hfwu.de) und Rainer Nübel (Rainer.Nuebel@hfwu.de)

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