04.02.21
Gastbeitrag

Digitalisierung, die unser Gemeinwesen stärkt

Dr. Brigitte Reiser, AG Smart City – Digitalisierung, Ethik und Beteiligung

Manch einer fragt sich vielleicht, was es hilft, sich mit der smarten Stadt zu befassen, wenn der Siegeszug der digitalen Technologien ohnehin unaufhaltsam scheint? Dem antworten wir, die AG Smart City – Digitalisierung, Ethik und Beteiligung, dass es wichtig ist, sich mit dem digitalen Wandel der Gegenwart und Zukunft auseinander zu setzen: Wer sich nicht informiert und nicht einmischt, wer keine Zukunftskompetenz entwickelt, wer keine eigenen Szenarien für eine gute und wünschenswerte Zukunft entwerfen kann, dem bleibt nur, sich an jene Zukünfte anzupassen, die andere für ihn ausgesucht haben.

Der Zivilgesellschaft sollte das nicht passieren. Wir müssen fragen: »In was für einer Stadt wollen wir leben?« Wir müssen digitale Technologien kritisch daraufhin abklopfen, ob sie ein gutes und wünschenswertes Leben in der Stadt ermöglichen. Denn Technologien sind keine neutralen Werkzeuge. Sie bilden die Werte ihrer Entwicklerinnen und Entwickler ab, eröffnen oder verschließen Handlungsräume und verändern sich durch den Gebrauch, den Menschen von ihnen machen. Die Technik sollte nicht im Mittelpunkt einer smarten Stadt stehen. Sie ist nur Mittel zum Zweck, nicht das Ziel selbst. Der Fokus sollte auf unseren Werten liegen. Sowie auf unseren Vorstellungen einer guten gemeinsamen Zukunft.

Bildung als Schlüssel für Teilhabe

Gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hat die AG Smart City – Digitalisierung, Ethik und Beteiligung im Forum der IBAʼ27 Ende letzten Jahres einen E-Learning-Kurs erstellt. »Unsere Smarte Stadt – Digitalisierung, die unser Gemeinwesen stärkt« geht ab März 2021 in die zweite Runde. Ein Modul des Kurses befasst sich mit dem Thema digitale Ethik. Wir fragen dort: Wie können wir den digitalen Wandel so gestalten, dass er sichert, was uns wertvoll ist? Das ist die digital-ethische Perspektive.

So wichtig wie die Ethik ist die Beteiligung: Die smarte Stadt sollte nicht »von oben nach unten« umgesetzt, sondern gemeinsam gestaltet werden. Ein weiteres Modul des E-Learning-Kurses behandelt deshalb die Akteure und Beteiligungsprozesse in der smarten Stadt. Immer noch sind viele, insbesondere alte Menschen, digital nicht eingebunden – die Pandemie hat dies schmerzhaft deutlich gemacht. Aber ohne digitale Einbindung ist Teilhabe heutzutage fast nicht mehr möglich. Ein Internetanschluss allein reicht hier nicht aus. Man muss mit der digitalen Infrastruktur umgehen und Anwendungen bedienen können. Lokale Fortbildungen haben deshalb große Bedeutung.

Vom User zum Mitgestalter

Auch die Mitgestaltung (»Co-Creation«) der technologischen Infrastruktur durch Bürgerinnen ist wichtig. Technik sollte nicht als »Invasion«, sondern als von Menschen gemacht wahrgenommen werden. Insofern sollten die Bürger nicht nur als Technologie-Nutzer betrachtet, sondern auch als Entwicklerinnen und Entwickler digitaler Anwendungen gestärkt werden. Kooperationen mit (Hoch)Schulen und der ehrenamtlichen »Technik-Szene«, die sich in Fablabs, Maker- und Hackerspaces und Coworking-Räumen trifft, sind dafür essentiell.

Im E-Learning-Kurs hat ein Gespräch mit Mirko Ross von der Stuttgarter Community »The Things Network«, die an einem freien Internet der Dinge (IoT) in der Region arbeitet, gezeigt, welches Potenzial zivilgesellschaftliche Akteure in die Smart City einbringen können. Die Initiative für ein offenes und bürgerschaftlich erstelltes IoT (»Civic IoT«) hat rund 150 Gateways in der Region installiert und damit ein flächendeckendes Funk- bzw. LoRa-Netzwerk aufgebaut.

Vorausschauendes Denken lernen

Die Fertigkeit, Zukünfte zu entwerfen und lesen zu können – die sogenannte »future literacy« – ist ungleich verteilt. Expertinnen in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung sind in der Vorausschau möglicher Zukünfte durch Foresight-Prozesse besser geschult als Laien. Dennoch sollte man auch in der Zivilgesellschaft das vorausschauende Denken trainieren, immer mit dem Ziel, durch die Bildung von möglichen Szenarien Anleitung für gegenwärtiges Handeln und die Bildung von Prioritäten zu gewinnen.

Im ersten Teil des E-Learning-Kurs gab es für die Teilnehmenden die Chance, an einem kollaborativen Szenario mitzuschreiben. »Leben in Futuria 2050« fragte: Wie stellen Sie sich eine lebenswerte smarte City vor? Welche zukünftig denkbaren digitalen Anwendungen steigern Ihre Lebensqualität und verbessern das gesellschaftliche Miteinander? Das Szenario, das die Teilnehmerinnen durch ihre Beiträge gemeinschaftlich entwickelten, umfasst alle Lebensbereiche: Von Mobilität und Arbeitswelt über Bildung und Gesundheit bis zum bürgerschaftlichen Engagement, dem Leben in der Nachbarschaft und den Kontakten zur Stadtverwaltung. Die Kursteilnehmer stellen hier ihr Zukunftsszenario »Leben in Futuria 2050« der Öffentlichkeit zur Verfügung – zur Inspiration, Diskussion und zum eigenen Weiterdenken und Vorausschauen.

Kurs geht in die zweite Runde

Nach dem erfolgreichen ersten Durchgang im vergangenen Herbst, haben Interessierte nun erneut die Möglichkeit, vom 05. März bis 1. April 2021 am Kurs teilzunehmen. Das Ziel bleibt, sich im eigenen Lerntempo mit den Chancen und Risiken der digitalen Stadt zu befassen, Kompetenzen zu entwickeln, sich auszutauschen. Video-Konferenzen und Chats, interessante Gäste und der offene Austausch mit anderen Teilnehmerinnen sowie dem Tutor gehören ebenfalls dazu. Wir laden Sie herzlich ein!

Zum E-Learning-Kurs »Unsere Smarte Stadt. Digitalisierung, die unser Gemeinwesen stärkt«

AG Smart City – Digitalisierung, Ethik und Beteiligung (21Zone)

Downloads

Leben in Futuria 2050

(pdf / 635 kB)

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