Vom Grund aus neu gedacht: Architektur und die Politik situativen Stadtmachens
Beitrag aus dem IBA’27-Kuratorium
von Marcos L. Rosa
Der vorliegende Text ist eine Übersetzung des englischsprachigen Essays »From the Ground« von Marcos L. Rosa. Der Begriff »Ground« wurde dabei meist mit »Grund« oder »Boden« übersetzt. Im Original nutzt Marcos »Ground« bewusst mehrdeutig und als Metapher: Boden, Grund, Grundlage, Basis, Erde, Territorium, Raum – physisch wie politisch, sozial wie ökologisch. Diese Vielschichtigkeit lässt sich im Deutschen nur annähernd übertragen.
Ausgehend vom »Ground« entwickelt Marcos ein relationales Verständnis von Architektur und Stadt. Im Zentrum steht nicht das Objekt, sondern das Verhältnis – zwischen Gesellschaft und Welt, zwischen Raum und Politik, zwischen Territorium und Gestaltung. Architektur wird dabei als ein situativer Akt verstanden, verankert im sozialen, ökologischen und politischen »Ground«. Der Text lädt ein, diese Perspektive weiterzudenken – vom Grund und Boden ausgehend, auf dem wir leben und handeln.
Das Wesen der europäischen Stadt fußt seit Langem auf einem gemeinsamen Fundament: einer Raumstruktur, die Zusammenleben, Fußläufigkeit, gemeinsam genutzte Infrastrukturen und öffentliches Leben fördert. Heute steht dieses Fundament jedoch zunehmend unter Druck – durch Privatisierung, Fragmentierung und die Hyperkommodifizierung des Raums. Es neu zu interpretieren bedeutet, diese grundlegenden Werte zurückzufordern – mit einem neuen Blick, der Fürsorge, nicht-extraktivistische Praktiken und gemeinschaftliche Verantwortung in den Mittelpunkt stellt. Dieser Text schlägt vor, den Begriff des »Bodens« – verstanden nicht nur als räumliche Fläche, sondern als soziale, ökologische und symbolische Schicht – als kritisches Instrument zu nutzen, um über Gegenwart und Zukunft von Architektur und Stadt nachzudenken. Er knüpft an die laufenden Debatten innerhalb der IBA’27 zum Stadtmachen an. Aus dieser Perspektive lassen sich dominante Paradigmen der Stadtentwicklung hinterfragen und neue Denkmodelle erkunden, die aus einer Neuordnung des Bodens hervorgehen können.
»Boden« steht für mehr als nur eine physische oder topografische Gegebenheit. Er bildet die Grundlage für unsere Beziehung zur Welt – materiell und symbolisch, sichtbar und unsichtbar. Ein kritischer Blick auf den Boden hilft daher zu verstehen, wie Stadtplanung, Städtebau und Architektur auf soziale Fragen, ökologische Zerstörung und extraktivistische Wirtschaftsweisen reagieren. So werden Lebensformen und Praktiken der Fürsorge und Arbeit erkennbar, die in den dominanten Raumlogiken oft unsichtbar bleiben. Über Boden und die Grundlagen seiner Gestaltung zu sprechen, heißt daher, über Macht und Widerstand zu sprechen, über das Gebaute und das Verborgene. Und es bedeutet, zu fragen, wie Architektur diese Beziehungen lesbar und bewohnbar machen kann.
In den letzten Jahren hat ein wachsender Diskurs in Architektur und Städtebau den Boden erneut ins Zentrum gerückt – nicht als bloße Oberfläche, sondern als Beziehungsraum: räumlich, sozial und ökologisch. Diese weltweit von vielen Disziplinen geteilte Sichtweise lenkt den Blick vom gebauten Objekt – autonomen Architekturen – zu den oft eher unscheinbaren Alltagsbedingungen. Diese entstehen aus dem Zusammenspiel von Gestaltung und Erfahrungen und prägen die Grundlagen des städtischen Lebens.
In einer sich rasant verändernden Welt kann das Format einer internationalen Ausstellung nicht nur die Bühne für architektonische Produktion bieten, sondern auch ein Forum für eine gemeinsame Suche sein. Die IBA’27 in der Region Stuttgart bietet möglicherweise einen fruchtbaren Boden sowohl für Gestaltung als auch für Ungehorsam: für geplante Zukünfte und widerständige Gegenwarten. Sie ermöglicht es uns, unsere Fähigkeit zu schärfen, den Boden als kritischen Ort der Intervention und Imagination zu lesen, zu bewohnen und zu verändern.
In dieser Betrachtungsweise werden gängige Gegensätze – wie Top-down und Bottom-up, Extraktion und Inklusion, Fürsorge und Produktion sowie die relationalen Dimensionen des Bauens – hinterfragt, neu verhandelt und oft überwunden. Die Anregung der Anthropologin Marisol de la Cadena, »Überschüsse« – also Situationen, die über den Status quo hinausgehen – als Chance zu verstehen, kann uns dabei helfen, den Boden neu zu denken: nicht als neutralen Untergrund oder generische Plattform für eine Stadtentwicklung, die das Leben auf sehr spezifische Weise ordnet, sondern als Raum der Verhandlung und Verflechtung. Als Ort, an dem materielle Infrastrukturen auf vielfältigste Formen von Fürsorge, Wissen, Machen, Produzieren und Beziehungen zur Welt treffen.
Bei dieser Aufgabe schaffen das architektonische Sockelgeschoss und seine Schwellen die Voraussetzung dafür, dass der städtische Raum zu einem Ort kollektiver Erfahrungen und potenzieller Begegnungen wird – physischer wie theoretischer Art. Fachlich wird dieser Ort als Erdgeschoss gefasst: als Grund der Stadt – ein Ort, der vielfältige und oft divergierende Raumerfahrungen aufnehmen kann.
Vom Tausch zum Gebrauch: Wert in der Stadt neu denken
In einer Welt, in der Räume vor allem über ihren ökonomischen Tauschwert betrachtet werden, müssen wir uns für ein kritisches »Projekt des Bodens« (Progetto di suolo, Bernardo Secchi 1986) wieder auf seinen Gebrauchswert im Sinne des Soziologen Henri Lefèbvre besinnen. Daraus ergibt sich die Forderung, dass Architektur eine erkennbare Brücke von der Intention eines Projekts zur gesellschaftlichen Praxis, dem gelebten Alltag der Menschen schlagen muss. Wer Stadträume, Stadtgestalt und Urbanismus so versteht, denkt architektonisch – und überträgt der Architektur die Aufgabe, eine andere Welt zu entwerfen, die sich an diesen Grundsätzen misst.
Lange galt der Gebrauchswert urbaner Räume als zivilisatorisches Fundament der europäischen Stadt. In jüngerer Zeit ist er jedoch zunehmend durch die Hyperkommodifizierung des Raums bedroht. Diese manifestiert sich in unzusammenhängenden, autonomen und ausgrenzenden Architekturen – ein Phänomen, das auch im globalen Norden weit verbreitet ist.
Architektur und der soziale Grund: Vermittlung städtischen Lebens
Wenn Raum, wie der Geograph Milton Santos betonte, sozial ist, dann spiegelt seine Gestaltung die gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Kräfte wider, die in ihm wirken. Gleichzeitig eröffnet die Gestaltung von Raum die Möglichkeit, neue Beziehungen zur Welt aufzubauen, die zuvor noch nicht bestanden. Dazu gehört, auf veränderte ökologische Bedingungen zu reagieren und neue Wissensformen einzubeziehen, die nicht auf Ausbeutung basieren, wie auch die Chance, lokal verankertes Denken und Handeln auf zeitgenössische Formen des Stadtmachens anzuwenden.
Dieser Denkansatz spiegelt sich in Erfahrungen aus dem Globalen Süden wider, wo Stadt seit Langem durch vielfältige, oft unsichtbare Akteur:innen entsteht – durch informelle Praktiken, relationale Verhandlungen, situatives Wissen und kollektive Formen des Kümmerns, die dominante Raumparadigmen infrage stellen. Oft auf Narrative der Prekarität reduziert, ermöglichen solche Praktiken alternative Zugänge zum Boden – als lebendige Raumpraxis, die von ökologischen Verflechtungen, sorgender Arbeit und gesellschaftlichem Alltagshandeln geprägt ist. Diese Erfahrungen offenbaren nicht nur Defizite bestehender Modelle. Sie machen auch deutlich, dass der Boden selbst – vielgestaltig, instabil, verhandelt – eine architektonische Antwort verlangt. Nicht als Entwurf des Fixierten oder Vollendeten, sondern als Entwurf des Noch-nicht-Stabilen: eine Architektur, die vielfältige Lebensformen durch situative, nicht ausbeuterische Praktiken räumlicher Transformation vermittelt und trägt.
Situative »Produktivität«: Neue Grundlagen für das städtische Leben
Gerade hier kann eine gewisse Situiertheit produktiv werden. Gegründet-Sein – in einem Ort, einem Konflikt, einer Beziehung – ist keine Beschränkung architektonischen Wissens, sondern seine Voraussetzung. Zukunft neu zu denken heißt, sie aus konkreten, spezifischen und einzigartigen Grundlagen zu entwickeln. Statt Modelle zu importieren oder zu exportieren, geht es um eine komplexere Aufgabe: situatives Wissen wahrzunehmen – und mit ihm zu gestalten.
Auf diese Weise könnte die letzte Phase der IBA in Stuttgart den Grund bereiten für einen Aufbruch der Disziplin – allerdings nicht ohne Unsicherheiten. Architektur muss immer wieder fragen, welche Formen gesellschaftlicher Praxis und des städtischen Lebens die Stadt tatsächlich tragen und fördern kann oder zu verdrängen droht. Können die Grundlagen, auf denen wir bauen – materiell, ökologisch, symbolisch – wirklich andere Beziehungen zur Welt ermöglichen? Öffnen sie neue räumliche Vorstellungswelten? Oder reproduzieren sie am Ende doch jene ausbeuterischen und ausgrenzenden Muster, die sie zu überwinden suchen? Die Antwort bleibt offen. Ob es gelingt, hängt davon ab, Komplexität auszuhalten, situatives Wissen ernst zu nehmen – und Fürsorge und Formen des Zusammenleben zu stärken, die sich jeder Vereinfachung entziehen.
Miteinander leben: Boden als Infrastruktur der Koexistenz
Diese Fragen ziehen sich durch mehrere Projekte der IBA’27 in der Region Stuttgart. Hier wird die produktive Stadt neu gedacht – durch Konstellationen, die erforschen, wie vielfältige Lebensformen und Beziehungen zur Welt zusammenfinden können.
Manchmal zeigt sich dieser Anspruch, den Boden bewusst zu gestalten, in sehr einfachen Maßnahmen. Ein zentraler Impuls ist eine ökologische Materialwahl: Nachhaltigkeit, Kreislauf, Wiederverwendung und Reparatur gewinnen an Bedeutung – im Diskurs wie im Entwurf. Sichtbar wird das in neuen Bautechniken und robotischen Verfahren, die den Materialeinsatz senken, durch recycelten Beton, Lehm oder Holz. Solche Ansätze verbinden technologische Innovation mit ökologischer Verantwortung und prägen zudem die gestalterische Haltung der Gebäude.
Das zeigt sich etwa dort, wo aus einem ehemaligen Industrieareal ein dichtes, durchmischtes Quartier wird – und neu geschaffene Beziehungen zwischen Lebewesen und Dingen und neue Lebens- und Arbeitsformen eine ökologische Erneuerung tragen. Bestehende Strukturen ehemaliger Fabrikgebäude bleiben erhalten und werden durch Neubauten ergänzt, die vielfältige Nutzungen zulassen. Produktive Höfe verwischen die Grenzen zwischen Arbeitsräumen und Gemeinschaftsflächen. Werkstätten, Büros und Läden öffnen sich zum Erdgeschoss – und fördern Mehrdeutigkeit, Durchlässigkeit und informellen Austausch. Eine grüne Flussaue vernetzt ökologische Lebensräume und bietet Platz für Fürsorge, Erholung und Begegnung – für menschliches wie nicht-menschliches Leben.
Andernorts in der Region werden vormals getrennte Landwirtschafts-, Industrie- und Gewerbegebiete als Experimentierfeld urbanen Zusammenlebens neu gedacht. Urbane Landwirtschaft wird in das Stadtgefüge integriert, stärkt die lokale Lebensmittelproduktion und verankert ökologische Kreisläufe wieder im Alltag. Der Boden wird dabei zum infrastrukturellen und symbolischen Grund: eine geteilte Schicht, auf der Unterschiede durch Nähe verhandelt werden – und Fürsorge aus räumlichen wie materiellen Alternativen entsteht. Häuser für alle Generationen nutzen wiederverwendete Baustoffe und erproben neue Eigentumsformen. So entstehen Wohnformen, die Ausgrenzung entgegenwirken und Gemeinschaft stärken. Diese Projekte reduzieren nicht nur den ökologischen Fußabdruck. Sie entwerfen über die Gestaltung des Bodens neue soziale Vorstellungswelten – produktiv, gemeinschaftlich und situativ.
»Der Boden wird dabei zum infrastrukturellen und symbolischen Grund: eine geteilte Schicht, auf der Unterschiede durch Nähe verhandelt werden – und Fürsorge aus räumlichen wie materiellen Alternativen entsteht.«
Wenn solche Projekte einen Wandel hin zu einer nicht-extraktiven (oder zumindest weniger extraktiven), inklusiveren und ökologisch sensibleren Stadtentwicklung zeigen, liegt ein Schlüssel in der Gestaltung der Erdgeschosse – und deren Fähigkeit, eine Vielzahl von Lebenswelten, Nutzungen und wirtschaftlichen Aktivitäten aufzunehmen. Getragen werden diese Bemühungen durch vielfältigste Versuche, den städtischen Boden als gemeinsam genutzten und ausgehandelten Raum neu zu denken – offen für Unterschiede, sensibel für seine Grenzen und aufmerksam gegenüber den Herausforderungen der Gegenwart.
Architektur kann kaum wirksam werden, solange sie sich allein im Rahmen der vorherrschenden ökonomischen Logiken bewegt. Diese reduzieren Gestaltung meist auf Effizienz, Wirtschaftlichkeit und formale Umsetzung – und blenden die vielfältigen, verflochtene Ebenen des städtischen Lebens aus. Die Frage ist, ob Architektur dennoch Räume öffnen kann: für eine kritische Auseinandersetzung damit, wie wir leben und miteinander umgehen. und wie unsere räumliche Praxis gerechtere, situierte Formen des Bewohnens dieser Welt ermöglichen kann.
Die kritische Bedeutung des Bodens in IBA-Projekten liegt nicht allein darin, Alternativen innerhalb bestehender Paradigmen anzubieten, noch erschöpft sie sich im rein Konstruktiven. Vielmehr geht es darum, Räume offen zu halten für Suche, Unsicherheit und Veränderung. Dies bedeutet, Raum neu zu bewerten, die Logiken hinter Entwurfsprozessen und die tatsächlichen Vorstellungen des Begriffs »Produktivität« zu hinterfragen und ein politisches Projekt zu formulieren. Dafür braucht es die Bereitschaft, über die fachlichen und operativen Grenzen eines architektonisches Projekt hinaus zu denken, seine Einbettung in soziale, kulturelle, politische, wirtschaftliche und technologische Systeme anzuerkennen – und zugleich achtsam zu sein für Lebensformen, die sich diesen Systemen entziehen oder sich ihnen widersetzen. Diese Arbeit des Prüfens, Hinterfragens und Neu-Definierens ist zwangsläufig durch ihre eigenen Rahmenbedingungen begrenzt – etwa Finanzierungsstrukturen, regulatorische Vorgaben und berufliche Zwänge. Doch gerade innerhalb dieser Spannungsfelder muss Architektur agieren und eine Synthese des Zeitgeists wagen. Nur so kann sie substanziell zu einer gerechteren und lebenswerten Zukunft beitragen, die sich an den konkreten Lebensbedingungen vor Ort orientiert und den jeweiligen Kontext ernst nimmt.
In diesem Prozess räumlicher Transformation gilt es, durch die vom Grund eröffneten Perspektiven zu schauen – und zwar vom Erdgeschoss aus. In diesen »Überschüssen« (excesses) zeichnen sich mögliche, noch nicht vollständig ausformulierte Zukünfte ab – durch anpassungsfähige, situative Praktiken, die Solidarität fördern und Unterschiede anerkennen. Sie denken den Boden neu: als lebendigen Möglichkeitsraum für Bewohner:inner einer von ökologischen, sozialen und räumlichen Krisen geprägten Welt.
»Sie denken den Boden neu: als lebendigen Möglichkeitsraum für Bewohner:inner einer von ökologischen, sozialen und räumlichen Krisen geprägten Welt.«
Der Boden lässt sich dabei nicht allein als Metapher oder politisches Terrain verstehen; er ist zugleich gebaute, umkämpfte und gelebte Realität. Die damit verbundenen Dynamiken und ihre räumlichen Ausdrucksformen sind weder abstrakt noch universell. Sie werden vielmehr in den vielfältigen Projekten der IBA’27 konkret, wo sich zeigt, wie Ökologie, Infrastruktur und neue Formen des Zusammenlebens neu konfiguriert werden können. Gerade an diesen Kraftorten – mit ihren ungelösten Spannungen und vorläufigen, offenen Gefügen – tritt Architektur in einen produktiven Dialog mit den realen räumlichen Bedingungen von Transformation.
Über den Autor

Marcos L. Rosa ist Architekt und Stadtplaner sowie außerordentlicher Professor an der Universität Rio de Janeiro. Seine Arbeit fokussiert kollaborative Planungsprozesse sowie die Beziehungen zwischen Planung, Nutzung und Wahrnehmung von Räumen.
Er ist Kurator der 11. Architekturbiennale in São Paulo und lehrte und forschte unter anderem an der ETH Zürich, der TU München und der London School of Economics. Er ist Mitglied des Kuratoriums der IBA’27.

