05.08.21
Reallabor Wohnen

Wie wohnt man künftig im Quartier Am Rotweg?

Zwischen den Zeilenbauten in Stuttgart Rot steht seit dem 8. Juli die Laborbühne. Als temporärer Bau bietet sie Platz für Forschung, Experimente und Veranstaltungen rund um das Thema Wohnen. Sie ist eine Einladung an die Menschen, wieder ein aktiver Teil der genossenschaftlichen Quartiersentwicklung zu werden. Die Bühne ist Teil des Projekts »Reallabor Wohnen«, das erprobt, wie bezahlbarer Wohnraum geschaffen und das Zusammenleben im Quartier lebenswert und sozial gestaltet werden kann. Das Reallabor wird vom Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen gefördert.

Das Quartier Am Rotweg in Stuttgart-Zuffenhausen ist vor einem Umbruch. Bisher stehen hier in die Jahre gekommene Häuser aus der Nachkriegszeit, die Grünflächen zwischen den Zeilenbauten liegen brach. Die Häuser lassen sich nicht ohne Weiteres in ein zukunftsfähiges Quartier überführen: Ausstattungen, Grundrisse, Architektur sind 75 Jahre nach Kriegsende nicht mehr zeitgemäß. Die mit den Häusern gealterte Bewohnerschaft lebt oft in Wohnungen, die nicht zu ihren Bedürfnissen passen. Die Besitzerinnen der Zeilenbauten, die Baugenossenschaften Zuffenhausen und Neues Heim, haben sich deshalb für einen Abriss und Neubau eines Teils der Häuser entschieden. Ihnen ist es wichtig, dass durch einen solchen Schritt die Mieten in ihrem gesamten Gebäudebestand langfristig bezahlbar bleiben, eine breite soziale Durchmischung erreicht wird und ihre Genossenschaften fit für die Zukunft sind. Auf Grundlage des im Frühjahr 2021 gekürten Siegerentwurfs des städtebaulichen Wettbewerbs soll bis 2027 ein lebendiges Quartier mit qualitätsvollen Freiräumen entstehen. Ein Ort, an dem Menschen ein Zuhause finden, sich begegnen und eine Gemeinschaft wächst, ein Quartier, dass durch seine zusätzlichen Angebote für die Gemeinschaft auch einen Mehrwert für das gesamte Stadtviertel schafft.

Bereits jetzt, vor dem Abriss der Zeilenbauten, soll der Grundstein für eine lebendige Gemeinschaft und ein resilientes Quartier gelegt werden. Die Baugenossenschaften initiierten gemeinsam mit der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) das Projekt »Reallabor Wohnen«. Als Herzstück des Projekts ist die »Laborbühne« entstanden – ein Ort im Quartier, an dem sich Menschen treffen und vernetzen können. Die Bühne ist eine Einladung, das neue Quartier mitzugestalten und aktiver Teil der Nachbarschaft zu werden. Während im städtebaulichen Entwurf die Baukörper und Freiräume des neuen Quartiers definiert wurden, soll jetzt mit der Laborbühne untersucht werden, welche Wohnformen, Begegnungsmöglichkeiten und Grundrisse das Quartier bereichern können.

Nach einer Ideenabfrage überzeugte die Jury der Entwurf des Architekturbüros Schürmann + Witry aus Zürich. Das Pavillonsystem basiert auf einem einfachen Baukastenprinzip und ist modular erweiterbar. Flügeltüren können je nach Nutzung geöffnet und geschlossen werden und verzahnen den filigranen geometrischen Bau mit der Umgebung. So kündigt die Laborbühne die anstehende Transformation des Quartiers an und schafft eine Plattform für den Austausch zwischen Bauträgerinnen, Bewohnern, Institutionen, Hochschulen, Stadtverwaltung, Initiativen und Planerinnen. Schwerpunktthemen sind bezahlbarer Wohnraum, Zusammenleben in Gemeinschaft sowie Beteiligung und Teilhabe. »Wir leisten uns mit der Laborbühne einen Zwischenschritt, um gemeinsam über Lösungen nachzudenken, wie künftig zusammengewohnt werden kann« so Andreas Hofer, Intendant der IBA’27. Ganz im Sinne der Genossenschaften wird neuer Wohnraum nicht für, sondern mit der Quartiersbewohnerschaft entwickelt.

Realisiert werden konnte das zweijährige Projekt durch die Förderung des Ministeriums für Landesentwicklung und Wohnen. Bei der Eröffnung der Laborbühne sagte die Ministerin für Wohnen und Landesentwicklung Baden-Württemberg Nicole Razavi: »Wohnen muss menschengerecht, attraktiv und bezahlbar sein. Durch eine gelebte Beteiligungskultur soll im Quartier Am Rotweg erprobt werden, wie Wohnen diese Ansprüche erfüllen kann«.

Neben der Laborbühne werden die Bewohnerinnen außerdem zwischen den Zeilenbauten Wohnungsmodelle im Originalmaßstab erleben können. In ihnen kann probegewohnt und praxisorientiert weitergeforscht werden. Die Bewohner und künftige Mieterinnen können selbst testen, wie sich die neuen Wohnungstypen an die individuellen Lebensumstände anpassen lassen.

Die Genossenschaften Neues Heim und Zuffenhausen machen sich mit dem »Reallabor Wohnen« gemeinsam mit IBA’27 auf den Weg, kreativ über die Ausgestaltung des neuen Quartiers nachzudenken. Quartiersentwicklung wird beim Reallabor zu einem partizipativen Prozess. Die hier erarbeiteten Methoden und Ergebnisse können auf andere Quartiere, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, übertragen werden. Ein Schwarzbuch dokumentiert Prozesse und Aktionen, die nicht zum Ziel führen. So entsteht ein Leitfaden zu möglichen Hürden, Hindernissen oder Stolpersteinen, die sich im Projektverlauf ergeben. Bis 2027 soll ein Quartier gebaut und bewohnt sein, das nicht nur durch Architektur und Städtebau besticht, sondern vor allem durch engagierte und vernetzte Bewohnerinnen und Bewohner, die sich nachbarschaftlich begegnen, mit ihrem Umfeld identifizieren und gerne in Gemeinschaft zusammenleben.

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